Was für die Entstehung einer innigen Mutter-Kind-Beziehung entscheidend ist und warum Mamas von Flaschenkindern besonders stolz auf sich sein können, erklärt Pädagogin Dr. Eliane Retz (34) im Interview.

Durch Ihre Kurse “Geborgenheit fürs Baby” haben Sie laufend mit Müttern oder werdenden Müttern zu tun. Welchen Stellenwert nimmt da das Thema Stillen ein?

Stillen ist in Deutschland “in”: Stillende Mamas in Cafés, auf Parkbänken, und selbst in der U-Bahn kann man das beobachten: Babys, die zufrieden an Mamas Brust trinken und gesättigt einschlafen. Dies ist das typische Bild, das sehr häufig mit Stillen assoziiert wird. Ich würde Stillen auch jeder Mama ans Herz legen. Aus der Praxis wissen wir aber, dass das Stillen mit vielen Startschwierigkeiten behaftet sein kann. Mütter mit Stillschwierigkeiten brauchen unbedingt Unterstützung.

Manchmal hilft aber auch die beste Beratung letztlich nicht?

Die Gründe, warum das Stillen nicht klappt, sind vielfältig. Anatomische Gegebenheiten, wie z.B. Schlupf- oder Hohlwarzen können das Stillen erschweren. Oft sind die Probleme aber auch auf den ersten Blick nicht so offensichtlich. Frauen im Wochenbett brauchen unbedingt Ruhe. Stress kann sich negativ auf die Milchbildung auswirken.

Ich möchte hier wirklich an die Väter appellieren, dass sie sich schützend vor ihre neue kleine Familie stellen und den Mut haben, Besuche abzusagen oder so zu gestalten, dass es für alle gut ist. Nicht die Wöchnerin soll den Kaffeetisch für Oma und Opa decken – es soll umgekehrt sein! Das gilt für alle Mütter, nicht nur die stillenden.

Müssen Mütter von Flaschenkindern ein schlechtes Gewissen haben, weil sie ihrem Kind nicht “das Beste” geben?

Nein, künstliche Säuglingsnahrung war noch nie so gut wie heute! Dies ist eine große Errungenschaft und sollte alle Mütter erst einmal durchatmen lassen. Ich kenne kaum Mamas, die sich bewusst gegen das Stillen entschieden haben. Die Bereitschaft ist groß, und viele Mütter nehmen sehr viel auf sich, damit das Stillen klappt. Das finde ich sehr bewundernswert, es verdient Wertschätzung!

Stillen fördere die Bindung, heißt es immer. Muss dieser Satz Mütter von Flaschenkindern beunruhigen? 

Beim Stillen wird Oxytocin frei – und zwar dadurch, dass das Baby an der Brust saugt. Oxytocin spielt in Bindungsbeziehungen eine wichtige Rolle, es wird auch als Mütterlichkeits-Hormon bezeichnet: Die Mutter spürt eine große Verbundenheit mit ihrem Baby. Das Stillen kann die Bindung zwischen Mutter und Baby somit sehr positiv unterstützen. Die Entstehung einer sicheren Mutter-Kind-Beziehung aber darauf zu reduzieren, ist absolut nicht haltbar!

Worauf kommt es an, damit eine sichere Bindung entsteht?

Kurz zusammengefasst: mütterliche Feinfühligkeit, responsives, schnelles Reagieren auf die kindlichen Signale und die richtige Entschlüsselung dessen, was der Säugling braucht.

Die Signale des Babys richtig zu deuten, ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben für junge Eltern?

Viele Eltern erleben die ersten Monate als besondere Herausforderung. Es gibt Babys, die sich kaum ablegen lassen und ständigen Körperkontakt brauchen. Viele Mütter machen sich dann Sorgen, ob das normal ist. Ja, das ist es – Babys sind Traglinge! Säuglinge haben ein angeborenes Bedürfnis nach Schutz und Nähe. In anderen Kulturen werden Babys ausschließlich getragen. Sie haben ständigen Körperkontakt mit ihren Bezugspersonen.

Welche konkreten Tipps können Sie Müttern von Flaschenkindern für den Aufbau von Bindung geben?

Gestalten Sie das Fläschchengeben genauso liebevoll, wie Sie das Stillen gestalten würden. Dann kann es zu einem ruhigen und innigen Moment in dem oft turbulenten Familienalltag werden.

Nehmen Sie die Signale Ihres Kindes während des Trinkens wahr und gehen Sie feinfühlig damit um: Braucht das Baby eine Pause, um ein Bäuerchen zu machen oder hat es heute vielleicht weniger Hunger als sonst? Frühe Füttererfahrungen sind sehr wichtig, und Bezugspersonen sollten hier sehr achtsam vorgehen. Das gilt im Übrigen genauso für das Stillen und die Einführung der Beikost.

Aus Studien wissen wir, dass sich außerdem das Tragen in einer Tragehilfe oder einem Tragetuch sehr positiv auf die Mutter-Kind-Bindung auswirkt. Babys brauchen Körperkontakt zu ihren Bezugspersonen. Bauch-zu-Bauchkontakt ist dabei besonders gut. Kaufen Sie sich ein Tragetuch oder eine Tragehilfe und lassen Sie sich dabei am besten gleich professionell von einer Trageberaterin begleiten. Es gibt in der Qualität von Tragehilfen leider sehr große Qualitätsunterschiede, und nicht alle Tragehilfen sind empfehlenswert.

Welche Empfehlungen haben Sie für Mütter, die seelisch daran leiden, dass sie ihr Baby nicht stillen?

Tatsächlich empfinden das viele Frauen wie eine Niederlage. Oft sind sie körperlich und seelisch sehr erschöpft. Ich finde, dass genau diese Mamas besonders stolz auf sich sein sollen. Sie haben gekämpft, haben oftmals körperliche Schmerzen ertragen und vieles auf sich genommen.

Wenn die Mama sehr traurig ist, dann braucht diese Traurigkeit einen Platz! Es ist wichtig, darüber zu sprechen und über die damit einhergehenden Gefühle zu reflektieren. Wenn die Belastung groß ist, dann ist es gut, ein professionell geleitetes Beratungsgespräch in Anspruch zu nehmen. Auch wenn der Start anders war als gewünscht: Die Beziehung zu ihrem Kind können Sie ein Leben lang gestalten. Vertrauen Sie in ihr Kind und in ihre eigene Stärke als Mutter!


Dr. Eliane Retz / ZVG

Dr. Eliane Retz / ZVG

Geborgenheit fürs Baby ist ein Kurs von Dr. Eliane Retz für (werdende) Mamas in München. Was Babys im ersten Jahr brauchen, um ein fröhliches und starkes Kind zu werden, steht dabei im Mittelpunkt. 

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