Müttern aus der Krise zu helfen – das macht sich Psychotherapeutin Kathrin Peters (44) seit neun Jahren in ihrer Hamburger Praxis zur Aufgabe. Im Interview erklärt sie, vor welchen Herausforderungen junge Mütter stehen und wie nicht-stillende Mamas Schuldgefühle bewältigen.

Nuckelchen: Frau Peters, jede Mutter will vor allem eines: eine gute Mutter sein. Aber was macht sie aus?

Kathrin Peters: Zunächst einmal: Keine Mutter ist perfekt. Es genügt, eine ausreichend gute Mutter zu sein, wie Winnicott es mit dem Konzept der “good enough mother” beschreibt. Eine gute Mutter kennt ihre Stärken und Schwächen. Sie verdammt sich nicht für ihre Fehler, aber sie versucht, an sich zu arbeiten und dazu auch Hilfe anzunehmen, wo es nötig ist. Außerdem versucht sie, eine gute Balance zwischen Selbstfürsorge und der Fürsorge für das Baby herzustellen.

Das hört sich eigentlich schon nach dem Idealfall an …

Peters: Tatsächlich gibt es Situationen, in denen diese Balance schlichtweg unmöglich ist. Etwa, wenn das Baby besonders anspruchsvoll ist, nicht isst oder nicht schläft. Äußere Umstände, wie eine Trennung, können Gründe sein – nicht zuletzt können diese aber auch in der Biographie und Persönlichkeit der Mutter selbst liegen. Die Geburt eines Kindes gilt ja als klassische Schwellen- und Krisensituation, in der unbewältigte Konflikte aufbrechen können.

Deshalb wurde, was Sie “Geburt einer Mutter” nennen, zu Ihrem Schwerpunkt?

Peters: Existenzielle Themen haben es mir schon immer angetan. Insofern ging mir diese Idee bereits lange im Kopf herum. Ganz klar war es ab dem Zeitpunkt, an dem ich selbst Mutter wurde. Um wirklich zu verstehen, was es bedeutet, Mutter zu werden, muss man selbst Mutter sein. Auch das Verständnis für die eigene Mutter verändert sich damit.

Es wird nicht nur ein Kind geboren, es werden drei Menschen neu geboren. Ich finde, Mütter – aber auch Väter – brauchen Vorbereitung auf das Elternsein und Unterstützung bei der Aufgabe, eine Familie zu werden.

Das ist es auch, was an meiner Arbeit so befriedigend ist. Gelingt es mir, der Mutter zu helfen, ist dem ganzen System Familie geholfen. Die Kinder profitieren von der therapeutischen Begleitung ihrer Mutter in ihrer eigenen Entwicklung erheblich, und der Partner erfährt ebenfalls Entlastung. An dem Spruch “If Mom ain’t happy, ain’t noboby happy” ist etwas Wahres dran.

Mit welchen Problemen kommen “neu geborene” Mütter zu Ihnen?

Peters: Es gibt keine genauen Zahlen, aber etwa 20 Prozent der Mütter entwickeln eine postpartale Depression, die weitaus dramatischer ist als der so genannte “Baby Blues”. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher! Nicht wenige müssen den Verlust eines Kindes durch Tot- oder Fehlgeburt verarbeiten. Häufiges Thema sind auch traumatische Geburtserfahrung – wobei ein gut begleiteter Notkaiserschnitt sich oft weniger schlimm auswirkt als eine uneinfühlsame Geburtshilfe einer eigentlich weniger dramatischen Geburt.

Aber auch das kann sich zur Krise auswachsen: Eben war die Frau noch gleichberechtigt mit dem Partner auf Augenhöhe, als Mutter befindet sie sich auf einmal ohne ihren Job, die damit verbundene Gratifikation, die gewohnten sozialen Kontakte in einer – nicht nur finanziell – abhängigen Lage. Das bisherige System ist aus den Fugen geraten, alle müssen sich neu orientieren, wofür es in der jetzigen Müttergeneration aber keine klaren Vorbilder gibt. Jede kann und muss ihren Weg selbst finden, das sorgt für viel Unsicherheit, Ängste und Zweifel.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Müttern, die nicht stillen?

Peters: Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Insgesamt habe ich sehr wenige Patientinnen, die sich ganz bewusst gegen das Stillen entscheiden. Fast keine der Frauen hat aus meiner Sicht eindeutig egoistische Motive. Die gesundheitlichen und praktischen Vorteile des Stillens liegen ja auf der Hand. Aber die Patientinnen, die nicht stillen können oder dürfen – etwa wegen einer notwenigen Medikation, die sich mit dem Stillen nicht verträgt – leiden oftmals darunter, weil sie es als Verlust empfinden. Oder weil sie Schuldgefühle haben.

Warum Schuldgefühle?

Peters: Viele Hebammen forcieren das Stillen auf “Biegen und Brechen”. Und zwar bereits im Geburtsvorbereitungskurs, aber auch in der Wochenbettzeit und in Rückbildungs- und Babykursen. Die Hebamme, die manchmal die einzige Ansprechpartnerin für die junge Mutter ist, hat oftmals eine enorme Macht mit dem, was sie vorgibt – und damit eine besondere Verantwortung. Das “Stilldiktat” ist aber nicht für jede Mutter und nicht für jedes Baby hilfreich und von Vorteil. Hier wäre mehr Zurückhaltung und weniger Pauschalisierung angebracht.

Es wird viel getan seitens diverser Verbände und der “Nationalen Stillkommission”, um den “Stillerfolg” in Deutschland zu steigern. Ist das nicht sinnvoll?

Peters: Die meisten Mütter wollen ja stillen. Diese sollen dafür auch jede Unterstützung erhalten. Nicht alle können es aber. Und es gilt zu respektieren, wenn eine Mutter für sich entscheidet, dass sie einen anderen Weg gehen möchte, da das aufgezwungene Stillen mit Sicherheit die Mutter-Kind-Beziehung belasten wird.

Inwiefern?

Peters: Wie jede gute Beziehung sollte auch die Stillbeziehung auf Freiwilligkeit beruhen!

Haben Sie das Gefühl, dass beim angesprochenen schlechten Gewissen auch der Vergleich mit anderen Müttern eine Rolle spielt?

Peters: Ganz klar. Ohnehin vergleichen – und konkurrieren – Mütter heutzutage sehr stark miteinander. Die Grabenkämpfe der Vollzeit- und der berufstätigen Mütter sind hinlänglich bekannt. Wie gesagt, fehlt es hier auch an klaren Vorbildern, so dass jede Mutter ihren Weg vor sich selbst und anderen besonders rechtfertigen muss.

Das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, scheint sehr ausgeprägt zu sein bei Mamas, die die Flasche geben. Viele berichten, dass sie sich dabei ertappen, sich um Kopf und Kragen zu reden, wenn irritiert nachgefragt wird oder mitleidige Blicke kommen.

Peters: Inwieweit man sich mitteilt, hängt auch von der Nähe zu der anderen Person ab. Fragen Fremde nach, reicht die Information, dass man nicht stillen kann oder will, ohne dies weiter zu erklären und zu begründen – denn dann wäre man schon dabei, sich zu rechtfertigen.

Die größte Gelassenheit erreicht man darüber, sich der eigenen Erwartungen und der daraus resultierenden Schuldgefühle bewusst zu werden. Auf – vermeintlich oder real – mitleidige Blicke oder kritische Kommentare reagiert man vor allem dann nicht gelassen, wenn man mit sich und der eigenen Entscheidung nicht im Reinen ist. Steht man jedoch zu sich und dem eigenen Weg, auch wenn er von den Vorstellungen und Erwartungen der anderen abweicht, kann man Mitleid und Irritation getrost beim Gegenüber lassen, ohne sich angegriffen zu fühlen. Und kann dann auch selbstbewusst reagieren nach dem Motto: “Mein Kind hat alles, was es braucht!”

Wie kommen Mamas an diesen Punkt: Weniger Schuldgefühle, mehr mit sich im Reinen sein?

Peters: Als erstes und das auch immer wieder: Verständnis für sich selbst entwickeln, liebevoll und geduldig mit sich bleiben. Dann ist es auch leichter, dem Baby, älteren Kindern und dem Partner mit Geduld und Verständnis zu begegnen.

Das Wichtigste, was das Kind braucht, ist ohnehin Liebe. Und die setzt Selbstliebe voraus.

 

Weiterführende Links

“Geburt einer Mutter”: Praxis für Psychotherapie Kathrin Peters

Schatten und Licht – Krise nach der Geburt e.V.: Infos und Listen mit regionalen Fachleuten und Selbsthilfegruppen

Praktische Hilfe für Familien nach der Geburt: wellcome GmbH, 040/58950271

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