Sinah (29) aus Recklinghausen hat lange gebraucht um herauszufinden, dass sie keine Stillmutter ist, sondern Flaschenmama. Dabei hatte sie sich bei allen drei Kindern je eine neue Chance gegeben. Ein Erfahrungsbericht.

„Stillen war für mich eine Herausforderung, der ich nicht gewachsen war, beziehungsweise der ich eher gesagt nicht gewachsen sein wollte.
Mein erstes Kind hatte ich zwei Wochen lang gestillt. Ich war gerade 18 Jahre alt. Meine Mutter hatte mir erzählt, wie praktisch und bequem das doch sei, denn sie hatte meine Schwester und mich auch die ersten Wochen über gestillt, und so tappte ich dann ganz naiv in die Stillfalle. Ganz unbefangen bin ich an die Sache herangegangen. Ich hatte mich vorher nicht über das Stillen informiert, sondern bin einfach davon ausgegangen: Baby an die Brust, Brust gibt Milch, Baby ist satt, alles schön.

Die ersten Tage lief es gut, doch dann wurde es durch die auf einmal wunden Brustwarzen der Horror für mich. Jedes mal, wenn mein Baby wieder an die Brust wollte, war mir das blanke Entsetzen schon ins Gesicht geschrieben. Die ersten Sekunden beim Anlegen hätte ich weinen können vor Schmerz. Meine Mutter konnte sich das gar nicht erklären, die teure Brustwarzensalbe verschaffte auch keine Linderung. Durch diesen ganzen Psychostress wurde meine Muttermilch auch weniger, davon bin ich heute überzeugt. Schnell fütterte ich zu, und dann war meine Tochter abgestillt und ich wieder unbeschwert und glücklich.

Das zweite Kind wurde ein Flaschenkind

Bei meinem zweiten Kind war mir schon vor der Schwangerschaft klar, dass es direkt nach der Geburt die Flasche gibt. Ich wurde Flaschenmama. Auf solche Erfahrungen wie bei meinem ersten Kind wollte ich gut und gerne verzichten. Und von Anfang an konnte ich das Muttersein mit der Flasche unbeschwert genießen. Dieses Kind ist, ohne jemals einen Tropfen Muttermilch bekommen zu haben, bestens entwickelt und gesund, steht gestillten Kindern in nichts nach.

Vergangenen Sommer erwartete ich dann mein drittes Kind. Diesmal wollte ich dem Stillen doch noch eine Chance geben. Ich dachte mir, dass es ja nicht immer so schlimm werden muss wie beim ersten Mal. Mein Partner hat es auch gern gesehen, dass ich es nochmal mit dem Stillen versuchen möchte, und er sagte, dass er es schon schade fand, dass sein anderes Kind sofort von mir die Flasche bekam. Eine Hebamme hatte er auch aus dem Bekanntenkreis für uns besorgt, die beschwichtigend sagte, dass es für jedes Problem eine Lösung geben würde und ich könne auf sie zählen. Aber je näher die Geburt rückte, desto mehr hatte ich mich schon wieder gegen das Stillen gesträubt. Ich hatte mir eine Pro-und-Contra-Liste angefertigt, auf der ich mit Mühe und Not vier Pros, und ganz leicht zwölf Contras für mich notiert hatte. Nichtsdestotrotz wurde das Schätzchen nach der Entbindung angelegt, und da gingen die Probleme auch schon los.

Mein Sohn suchte zwar instinktiv meine Brustwarze, hat es aber nicht geschafft, richtig anzudocken und zu saugen. Nach Stillhütchen und sogar Versuchen mit einer Sonde ging es Stunden später endlich mit Glukose auf dem Stillhütchen weiter. Da fühlte ich mich schon wieder bestätigt, dass Stillen einfach nicht das Wahre – zumindest für uns – ist. Nach einem Tag, an dem es mehr oder weniger funktionierte, war trotz des Stillhütchens eine meiner Brustwarzen schon krustig. Es kam dann noch das Problem hinzu, dass mein Sohn anscheinend einfach nicht satt wurde. Ein paar Minuten nach der Brustmahlzeit fing er wieder an zu schreien, dann gab es die Brust, danach war er augenscheinlich gesättigt, dann wieder Geschrei, und dieses Prozedere hat sich bis in die frühen Morgenstunden immer wiederholt.

Stillen sollte einfach nicht sein

Nach einer komplett schlaffreien Nacht aufgrund der Geburt und einer Nacht mit nur Kurzschlafperioden war meine Grenze dann auch endgültig erreicht und ich holte mir von der Nachtschwester die erste Babyflasche. Und siehe da, mein Sohn war nach dem Trinken selig und zufrieden, und wir beide bekamen endlich für ein paar Stunden unseren wohlverdienten Schlaf. Von da an gab es nur noch die Flasche. Ich hatte einfach keinen Ansporn, mich und auch den Kleinen weiter so einem Teufelskreis zu unterziehen, da mir mein Kind, welches nie an meiner Brust war, im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen geführt hat, dass Flaschennahrung nichts weniger Gutes ist. Sich die Nächte um die Ohren hauen, von Schmerzen geplagt zu sein, weniger zu anderen Dingen zu kommen, weil man mit dem Stillen deutlich mehr Zeit verbringt als mit dem Fläschchengeben – mir ist die Muttermilch diese ganze Qual nicht wert! Meiner Meinung nach wird sowieso viel zu viel Hokuspokus um die Muttermlich gemacht.

Und auch ein Baby kann vom Stillen Nachteile haben: Das wohlig-zufriedene Gesichtlein meines Sohnes, als er von der Flasche endlich gesättigt schlafen konnte, hatte mir erschreckend gezeigt, dass er unter dem ‚Stillexperiment‘ gelitten haben muss. Hätte ich nach meinem Instinkt gehandelt, hätte er sofort die Babyflasche bekommen und ich hätte ihm diesen schlimmen Hungerstress erspart. Er hatte auch nach den zwei Tagen, in denen ich, na nennen wir es mal ’stillte‘, schon rapide Gewicht verloren. Und sowas soll ‚das Beste‘ für mein Kind sein?

Meine Flaschenkinder sind allesamt prächtig entwickelt

Wir fahren sehr gut mit der Flasche. Mein Schatz hat sich prächtig entwickelt, ist für sein Alter ziemlich gut dabei und an jeder Ecke höre ich, wie ausgesprochen fröhlich und freundlich er doch ist. Heute weiß ich ganz sicher, dass Stillen überhaupt nichts für mich ist und ich die geborene Flaschenmama bin. Nach zweimal ‚Scheitern‘ ist mir nun definitiv klar, dass meine Brüste nicht zur Babyernährung da sind. Ich kann mich auch noch gut an das Gefühl erinnern, als ich meinem Sohn die erste Flasche gab. Es fühlte sich so richtig an, mein Baby in der Armbeuge gebettet, das Fläschchen ins Mündchen … Beim Stillen hatte ich nie dieses lockerleichte Gefühl, immer war es für mich vom Körper her auch etwas unbequem, ich hatte nie 100 Prozent diese Entspannung gefühlt, die ich beim Fläschchengeben habe. Ich weiß, dass ich mit der Flasche das einzig Richtige getan habe, und stehe auch dazu. Man kann sagen, ich bin wirklich mit Leib und Seele eine Flaschenmama.

Dennoch finde ich es manchmal sehr schade, dass das Stillen bei mir immer im Desaster geendet ist. Denn überall hört man meist nur, wie schön und innig und geborgen das doch sei. Man sieht die Bildchen, auf denen Mütter mit ihren Babys eitel Sonnenschein auf Wolke 7 schweben. Von den ganzen Quälereien, die anscheinend beim Stillen auch alltäglich sind, hört man hingegen so gut wie nichts.

Bis heute weiß ich nicht, woran es bei mir genau gelegen hat, dass das Stillen bei mir immer nur etwas Schlimmes war. Vielleicht hatte ich nicht genügend Beratung, vielleicht ist das, was ich als schlimm empfinde, aber auch wirklich ganz normal … Nun, für mich ist es nicht normal. Es ist mir auch egal. Wir haben den für uns besten Weg gewählt und sind glücklich.“

 


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