Annika (25) aus der Nähe von Frankfurt am Main wollte nach der Geburt ihrer Tochter stillen – und ging daran emotional zugrunde. Nur schwer fand sie den Weg raus aus einer Wochenbett-Depression, die aufgrund des empfundenen Stillzwangs eine mütterliche Beziehung zu ihrem Kind schier unmöglich machte. Ein Erfahrungsbericht.

„Ich hatte niemals in Betracht gezogen, dass Stillen nicht schön sein könnte. Oder weh tut. Oder verdammt anstrengend ist. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass ich weinend, wie ein schlafloser Zombie, nachts im Sessel sitzen und traurig darüber sein würde, dass ich die Schwangerschaft nicht rückgängig machen kann. Ich verfluchte mich selbst. Wie kann man nur so blauäugig sein, schwanger zu werden. Ich verfluchte die anderen. Warum hatte mir das niemand gesagt? Mich vorgewarnt?

Ich hatte Schmerzen, mehr als acht Tage lang so gut wie keinen Schlaf – und mit fast keinen meine ich auch fast keinen-, meine Nippel waren gereizt, bluteten manchmal, und bei jedem Anlegen zog sich meine Gebärmutter krampfartig zusammen. Das ist gut, sagten sie mir. Dann zieht sich alles schön zurück. M-hm.

Von Muttergefühlen keine Spur

Wenn ich dann mal Schlaf fand, war er auch nach 30 bis 40 Minuten wieder vorbei. Na gut, aufstehen, Kind nehmen, in den Sessel setzen. Immer mit dem Gedanken: Gleich tut’s weh. Angefangen zu weinen habe ich schon beim Wachwerden. Ich wollte einfach nicht mehr. Wie gerne wäre ich einfach abgehauen oder hätte mich verkrochen. Leider hatte ich auch dementsprechende Gefühle dem Kind gegenüber. Muttergefühle waren noch weit entfernt. Ich hatte Mitleid und Verantwortungsbewusstsein meinem Baby gegenüber. Ich versorgte es, wie es eben nötig war, nur eben ohne positive Gefühle. Ich habe mich öfters leise weinend bei meiner Tochter dafür entschuldigt, dass wir sie gezeugt haben. Mir zerriss es das Herz, dass dieses unschuldige Kind nun da war, aber ich nicht so empfinden konnte wie es eine Mutter eigentlich sollte.

Ich wollte sie einfach nicht mehr anlegen an meine Brust. Ich fand ihr Weinen unausstehlich, konnte es nicht hören. Mein Mann lief mit ihr dann durch die Wohnung. Er war generell umwerfend. Eigentlich hätte er die Mutter werden sollen, dachte ich mir zu dieser Zeit.

Ich stillte sie weiter, aber nach wie vor mit Abneigung. Der Schlafentzug war wie Folter für mich, psychische Folter. Ich war hochgradig depressiv. Wochenbettdepression. So richtig.

Was hielt mich vom Abstillen ab?

‚Leg‘ dich doch einfach hin wenn sie schläft‘, sagten sie. Konnte ich nicht. So sehr ich es mir wünschte schnell einzuschlafen, ich brauchte bis zu einer Stunde, damit es klappte. Und dann stand nach kürzester Zeit schon wieder die nächste Stillsession an. Es war ein Teufelskreis. Das Hormonchaos, Schlafentzug, Wochenbettdepression, wunde Brustwarzen. Der Schlafentzug machte die Depression noch extremer, traurige und düstere Gedanken wurden immer unerträglicher. Ich sagte so oft zu meinem Mann unter Tränen, dass ich abstillen will. ‚Mach doch, ich wurde nie gestillt. Meinen Segen hast du!‘, war sinngemäß seine Antwort. Er stand komplett zu mir, egal, wie ich mich entscheiden würde. Was hielt mich also davon ab, aufzuhören?

Stillpropaganda. ‚Stillen ist das Beste für Ihr Baby.‘ Stillen verringert Allergierisiken, macht Babys schlauer. -besserer Darm, weniger Ohrenentzündungen, bessere Mutter-Kind Bindung. Industriemilch ist wie Gift für den kleinen Körper, tote Substanz, Wundermilch Muttermilch. Sie hilft einfach gegen ALLES. Als schlafloser, depressiver Hormonzombie fährt einen dieser voll beladene Propagandazug mit voller Wucht über den Haufen.

Nun kann ich dieses Baby schon nicht so freudig lieben wie gedacht – und jetzt will ich ihm auch noch aus egoistischen Gründen die Muttermilch wegnehmen. Das zermürbte mich unbeschreiblich. Also stillte ich weiter, weinend.

Es musste ein Schlussstrich gezogen werden

Drei Wochen nach der Geburt konnte ich endgültig nicht mehr. Nach einem intensiven Gespräch mit meinem Mann, der mittlerweile auch einfach nur noch fertig war, stand der Entschluss fest. Ich stillte sie morgens noch ein letztes Mal und ab dann war Schluss. Ich musste mich selbst wieder hinkriegen, zum Wohl unserer kleinen Familie. Das abrupte Abstillen verursachte auch erst mal Schmerzen, meine Brüste waren knallhart und taten weh. Salbeibonbons und gelegentliches Ausstreichen halfen soweit gut, nach einer Woche wurde es besser. Mein Mann und ich konnten uns nun endlich abwechseln mit dem Füttern. So hatten wir beide stets um die zwei bis fünf Stunden Schlaf am Stück. Es ging bergauf!

Allerdings brauchten meine Gefühle noch eine ganze Weile, um sich zu erholen. Ich konnte so langsam Freude an meinem süßen Baby empfinden, was auch meinem Mann einen tonnenschweren Stein vom Herzen nahm. Mir wurde dann erst richtig bewusst, wie hilflos er sich gefühlt haben muss. Richtige Muttergefühle, so wie man sie sich vorstellt, kamen etwa nach drei bis vier Monaten auf. Wir hatten uns als Familienteam eingespielt und die Depression kam nur noch selten hervor.

Ich bin nach wie vor unglaublich froh, abgestillt zu haben. Das war für mich, unsere Familie, aber vor allem für unser Kind, das Beste, was ich je hätte tun können. Sie wird nun bald zwei Jahre alt, ist kerngesund, sehr gut entwickelt, quasselt wie ein Weltmeister und wird vor allem unbeschreiblich geliebt. Die Muttergefühle, diese einzigartige Liebe, haut mich regelmäßig um. Schlichtweg unbeschreiblich. Über mein damaliges Empfinden und die Situation, vor allem über den Anfang, bin ich mittlerweile sehr schockiert und auch stellenweise traurig und wütend.

Ich war traurig und wütend

Nicht weil ich aufgehört habe zu stillen, sondern weil ich nicht früher abgestillt habe. Weil ich mich von solchen Phrasen übers Stillen unter Druck gesetzt habe. Unnötig. Ich bin sauer, dass oftmals vermeintliche Fachleute Frauen beraten und unter Druck setzen. Speziell in sozialen Netzwerken kann der Druck auf Mütter immens sein. Ich bin traurig, dass ich keine schönen Erinnerungen an diese eigentlich ja besondere, erste Zeit mit Baby habe.

Zum Stillen gehört mehr dazu als zwei milchbildende Brüste und ein Baby. Ich hatte Milch, mein Kind hat perfekt gesaugt und sich selbst direkt vorbildlich angelegt. Die Hebamme im Krankenhaus war begeistert, wie gut es klappte.

Das Problem sollte klar geworden sein. Es kann zig individuelle Gründe geben, warum Stillen nicht das Beste ist. Oder möchte wirklich jemand behaupten, dass mein Kind besser dran gewesen wäre, wenn ich weitergestillt hätte? Unter den bereits genannten Bedingungen? Ist es das Beste fürs Baby, wenn es zwar gestillt wird, aber trotzdem keinerlei Bindung von der Mutter aus entsteht, eher das Gegenteil?

Jede Frau hat ihre Gründe

Eine Wochenbettdepression kann jeder Mutter passieren. Ohne Vorwarnung, völlig unabhängig vom Geburtserlebnis. Auch ohne Wochenbettdepression kann es zig Gründe geben, warum Stillen nicht das Beste ist, für die jeweilige Situation des Babys, der Frau oder der Familie.

Frauen aus Wohlstandsländern haben zum Glück die Wahl, ohne immense Nachteile. Wir können Kinder ernähren, ohne uns selbst kasteien zu müssen. Leider haben jene Stillfanatiker selten genug Weitblick und Empathie, um zu verstehen, dass es – anders als der eigenen Ideologie entsprechend – auch auf anderem Weg, ohne Nachteil, funktionieren kann.“

 

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3 Kommentare: „Traurige und düstere Gedanken wurden immer unerträglicher“

  1. Hanna sagt:

    Ja, ja, ja! Ich kenne das so gut.

    Beim zweiten Kind hab ich mir dann eine gute Hebamme gesucht, die mir sagte: „Sicher ist Stillen gut, aus dem und dem … Grund. Aber über allem steht die Beziehung zwischen Mutter und Kind.“ Ich habe nach der Geburt abgestillt und war von der ersten Minute an eine glückliche Mutter, mein Kind war mir sofort nahe – und beide total entspannt. Die beste Entscheidung für mich.

    Wenn man näher hinschaut, gibt es übrigens auch „Fläschchenpropaganda“, im Netz, in der Verwandtschaft etc. Am besten also die für sich richtige Entscheidung treffen, dazu stehen und dann nicht mehr groß diskutieren oder zu rechtfertigen versuchen (“ mein „Flaschenkind“ ist ganz gesund aktiv etc., so wie die Stillkinder“)

    Ist doch klar, dass 1000 Faktoren dabei mitspielen, wie sich ein Kind entwickelt. Wer das vorrangig auf die Ernährung als Baby zurückführt, ist wohl eher Ideologe mit bestimmten Ziel (oft: das eigene Selbstvertrauen zu heben).

  2. Sanne sagt:

    Meine Geschichte … danke fürs Erzählen!

  3. Claudi sagt:

    Sehr guter Bericht! Spricht mir aus der Seele.

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