Die ersten drei Monate mit ihrer Tochter waren für Simone Müller (31, Diplom-Sozialpädagogin/Erzieherin) aus München ein Horror. Sie fühlte sich als schlechte Mutter, weil sie das Gefühl hatte, ihr Kind nicht ernähren zu können. Dann kam der Befreiungsschlag. Ein Erfahrungsbericht.

“Wir haben uns so sehr auf unsere Maus gefreut. Ich war schon eine Weile im Beschäftigungsverbot, so dass ich viel Zeit hatte zu lesen, mich auszuruhen und die Vorfreude so richtig auszukosten. In dieser Zeit habe ich mir viele Gedanken gemacht um Dammrissgrade und derlei Dinge, aber niemals über das Thema Stillen nachgedacht. Das war so naturgegeben. Klar, dass das alle Frauen können. Die, die nicht stillen, sind Rabenmütter. So war es in meinem Kopf, so wurde es vermittelt.

Tja, Maus kam. Ich hatte eine wunderbare Geburt. Die Beleghebamme war toll. Am zweiten Tag kehrte dann auch richtig Ruhe ein. Es war innig, nur wir und wenig Überwachung von den Schwestern. Als ich aber nachts zum Wiegen ging, begann das Drama, weil der Gewichtsverlust meiner Tochter schon bei fast zehn Prozent ihres Geburtsgewichts lag und sie ohnehin ein leichtes Baby war.

“Ihre Brustwarzen passen nicht in den Mund des Kindes”

Das Krankenhaus, in dem ich entbunden hatte, gilt als ,stillfreundlich’. Was ich dann aber erlebte, glich für mich eher einer ,Stillmafia’. Erst wurde nur geschaut, wie ich anlege. Dann kam alle zwei Stunden jemand rein, um zu kontrollieren, und ich musste natürlich sehr häufig wiegen. Nach jedem Schichtwechsel erzählten mir die Schwestern und Stillberaterinnen wieder etwas anderes: viel Anlegen, nicht Pumpen. Sofort pumpen. Nur pumpen und nicht mehr stillen. Es war der Horror. Am Ende hieß es sogar, meine Brustwarzen passen nicht in den Mund des Kindes …!

Ich fühlte mich furchtbar, einfach total unfähig. Stundenlang saß ich täglich auf meiner Verletzung und pumpte, was da Zeug hielt. Geschlafen und gekuschelt hab ich dementsprechend nicht mehr viel. Die Maus brüllte nur vor Hunger und sicherlich auch wegen meiner schlechten Stimmung und Anspannung. Hinzu kam, dass zahllose Gäste meiner Bettnachbarin unser Zimmer bevölkerten, während ich abpumpen musste. Ins Stillzimmer ausweichen wollte ich auch nicht, weil ich darauf hoffte, dass die Schwester jeden Moment kommen und mir sagen würde, wann ich endlich heim darf. Es war der absolute, unvorstellbare Horror. Ich habe nur noch geheult.

Ich fühlte mich wie eine schlechte Mutter

Da meine Nachsorgehebamme auch Hebamme an eben jenem Krankenhaus war, durfte ich nach drei Tagen nach Hause. Dort pumpte ich dann wirklich permanent ab und stillte. Es wollte kein Milcheinschuss kommen, so dass ich zu allen möglichen Mitteln griff: Karamalz, Stillkugeln, Stilltee, Bockshornkleesamenkapseln, Gelee Royal … Nichts half.

Da hatte ich nun meine Maus bei mir zuhause und fühlte mich nur schlecht. Mein Frauenarzt nahm bei der Nachuntersuchung dann ein wenig den Druck raus. Nach drei Monaten, in denen sich in meinem Kopf wirklich alles darum gedreht hatte, dass ich eine schlechte Mama bin, weil ich mein Kind nicht ernähren kann, habe ich es dann schließlich aufgegeben. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte nicht mehr. Und ich habe auch im Nachhinein noch viele Tränen vergossen, nachdem ich abgestillt hatte.

Aber! :) Meine Maus bekam mit fünf Monaten die erste Beikost. Seit sie elf Monate alt ist, isst sie wirklich alles bei uns mit. Knoblaucholiven sind grad das große Highlight. Fläschchen gibt es abends und nachts immer noch in rauen Mengen. Mir ist damit einfach so eine Riesenlast von den Schultern gefallen, weil ich nicht mehr allein für die Ernährung und das Gedeihen meines Kindes verantwortlich war.

Wer diesen Druck aufbaut, weiß gar nicht, was er anrichtet

Auch die angeblich innigere Bindung, die Stillmamas mit ihren Mäusen haben sollen, vermisse ich nicht. Ich hab viel im Tuch getragen. Unser Familienbett in Kombination mit Beistellbett tut das Übrige. Und ich freue mich heute einfach über jeden Schritt, den Maus weiter in die Selbständigkeit macht.

All jene, die Stillen zum Muss erklären, haben keine Ahnung, was sie eigentlich damit anrichten, wenn sie so einen Druck und so einen Wettbewerb aufbauen (den ich bis heute in allen Bereichen des Mamaseins beobachte: ,Schau doch, wie ich es mache …’). Wie schlecht es einem gehen kann, wenn man sich eben nicht bewusst gegen das Stillen entscheidet. Beim nächsten Kind werde ich es sicher wieder versuchen – aber diesen Stress lasse ich mir und meinem Baby nicht noch einmal machen.”

3 Kommentare: “Ich ging durch die Hölle, um zu stillen”

  1. M sagt:

    Vielen Dank für den Bericht. Mir geht es genauso. Leider bin ich derzeit noch in der Trauen gefangen, nicht stillen zu können, obwohl ich vieles versucht habe. Seit drei Tagen stille ich gar nicht mehr. Der Kleine wächst und gedeiht gut, aber es geht mir nahe, ihn nicht versorgen zu können….

    Ich bin der Meinung, dass im Geburtsvorbereitungskurs viiiiel mehr über das Stillen und entsprechende Alternativen gesprochen werden sollte. Ich habe mir das Stillen so vorgestellt, dass es einfach funktioniert – eben als normale Körperfunktion. Das es trotz viel Arbeit nicht klappen könnte, hätte ich nie gedacht.

  2. Jenny sagt:

    Danke für diesen Bericht. Mir geht es leider ziemlich genauso und es tut gut das mal zu lesen und zu wissen, dass man damit nicht alleine ist. Ich hoffe so fällt bald endlich mal der Druck von mir ab.

  3. Diana sagt:

    Vielen Dank für deinen Bericht. Ich habe mich in so vielem wiedererkannt. Es ist furchtbar, welcher Druck da aufgebaut wird. Gut,dass das Thema endlich angesprochen wird.

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