Ihre Zwillinge zu versorgen und den Milchfluss anzukurbeln, kostete Jenny Ruhland (40) aus München so viel Kraft, dass ihr Körper plötzlich in Streik trat. Selbst, als sie sich im Spiegel kaum wiedererkannte, gab sie den Kampf nicht auf. Ein Erfahrungsbericht.

„Meine Zwillinge kamen sechs Wochen zu früh per Kaiserschnitt auf die Welt. Da mein Körper dem plötzlichen Ende der Schwangerschaft offensichtlich hinterherhinkte, war von Milcheinschuss leider keine Spur. Man brachte mir daher gleich nach der OP die Abpumpmaschine ans Bett mit der Anweisung, alle drei Stunden zu pumpen, bis irgendwann die Milch einschießen und meine Kinder versorgen sollte. Bis dahin bekämen sie Frühchenmilch.

Von nun an begann für mich ein täglicher Marathon. Meine beiden Babies waren auf zwei verschiedenen Stationen verteilt. Meine Tochter befand sich auf der Frühchenstation, mein Sohn auf der Intensivstation. Beide mussten tagelang noch 24 Stunden überwacht werden und durften nicht bei mir im Zimmer schlafen.

Stolz auf jedes Tröpfchen

Ich stürzte vom einem Zwilling zum anderen, bemühte mich, beiden gerecht zu werden, sie im Arm zu halten, zu wickeln und die Flasche zu geben. Der Zeitplan befahl, dass ich mich schon bald wieder losreissen musste, um eine Stunde an der Maschine zu hängen, die sich ratternd bemühte, meinem – von der strapaziösen Zwillingschwangerschaft und der Operation – erschöpften Körper wenigstens ein wenig Milch zu entlocken.

Irgendwann kam etwas zum Vorschein, das einen halbwegs flüssigen Eindruck machte, und ich war stolz auf jedes Tröpfchen. Wenn ich mit einem Abpumpvorgang endlich fertig war, riss ich den kalten Trichter von meiner wunden Brustwarze und raste wieder zu meinen Kindern, die mich doch – viel zu früh geboren – so dringend brauchten. Ich hatte ja nur zwei Stunden bis zum nächsten Abpumpen. Ich kam nicht zum Essen und ich kam nicht zum Schlafen. Selbst in der Nacht musste ich den Wecker stellen, da mir gesagt wurde, ich müsse alle drei Stunden abpumen – auch nachts, sonst würde sich der mühsam herbeigezwungene Milchfluss wieder einstellen.

So schlurfte ich dreimal in der Nacht auf den Flur und gab meine Milch ab, damit das Wenige noch auf meine beiden Kinder verteilt werden konnte. Mein Mann und meine Schwestern bemühten sich redlich, mir irgendetwas zu Essen einzuverleiben, brachten mir Obstkörbe, Hühnerbrühe und dergleichen. Denn auch sie fragten sich irgendwann, wo die Milch eigentlich herkommen sollte.

Durchhalten begann sich auszahlen

Doch ich wollte unbedingt stillen. Jeder hatte gesagt, ich solle alles dafür tun, es wäre das Beste und Wertvollste für meine Babies, und sie würden es mir ewig mit ihrer Gesundheit danken. Die leisen Warnungen und Ratschläge meines Mannes überhörte ich. Ob ich mich nicht vollends erschöpfen würde, ob es nicht viel besser für die Kinder und mich wäre, wenn ich mich ihnen ganz in Ruhe widmen könnte ohne diesen Pump-Terminplan und dass sie zudem doch mit der Frühchenmilch ganz prima gedeihen würden.

Nein, ich würde jetzt nicht aufgeben, schließlich war Muttermilch durch nichts zu ersetzen. Und tatsächlich: irgendwann hatte ich es geschafft! Die Milch wurde immer mehr und ich konnte die Kinder anlegen. Ich war sehr glücklich und stolz, dass ich sie nun alleine ernähren konnte. Nach zehn Tagen wurden wir alle drei aus der Klinik entlassen, und ich stillte die Kinder voll.

Doch dieses Glück währte nicht lange. Bereits nach einer Woche zuhause stellte meine Nachsorgehebamme fest, die Babies nähmen nicht zu. Ich hätte offenbar zu wenig Milch und müsste zufüttern. Nun begann ein neuer Stress: Stillen, Fläschchen, Stillen, Fläschchen. Ich kam aus dem Füttern gar nicht mehr heraus. Dazu kamen die schlechten Nächte und die Nachwirkungen der Schwangerschaft und der OP, die schmerzende Narbe und die anstrengende Phase in der Klinik und jetzt zuhause.

Plötzlich war mein halbes Gesicht gelähmt

Erschöpft sank ich eines Abends zusammen und teilte meinem Mann irritiert mit, ich könne mein linkes Auge nicht mehr schließen. Ein Blick in den Spiegel ließ mich erschrecken: Meine linke Gesichtshälfte hing schlaff herunter, und ich konnte sie nicht mehr bewegen.

Meine Schwester, die Ärztin ist, schickte mich sofort am nächsten Tag zu einem Neurologen. Der stellte eine halbseitige Gesichtslähmung (facialis parese) fest. Auslöser war wohl Stress und eine totale Entkräftigung des Körpers. Doch um sicher zu gehen, musste ich mich noch einer Reihe von Tests unterziehen (Kernspinn, Nervenwasserentnahme, Nervenstromtest etc.) Anschließend musste ich sofort hochdosiertes Cortison nehmen.

Stillen dürfte ich jetzt nicht, hieß es, Cortison wäre Gift für unsere Kinder. Doch um den Milchfluss beizubehalten, müsse ich nun wieder abpumpen. Jeder Arzt riet mir zum Stillen – unbedingt stillen! Auch die Hebamme. Jede Mutter, die ich traf, bedeutete mir, ich müsse es tun, um eine gute Mutter zu sein. Nur meine eigene Familie riet mir ab, doch ich war taub auf diesem Ohr. Ich pumpte also wieder ab, alle drei Stunden, und schüttete das edle Gut anschließend ins Waschbecken, während die Kinder die Flasche bekamen. So ging das ganze drei Wochen lang.

Ich war vollkommen erschöpft und erholte mich nicht von meiner Lähmung. Nachts schlief ich mit einem Augenverband, da ich das Auge ja nicht schließen konnte. Meine linke Gesichtshälfte hing schlaff nach unten. Ich konnte kaum essen, da ich meinen Mund nur rechts bewegen konnte. Hinzu waren noch ein starker Tinnitus und ein Kapaltunnel-Syndrom gekommen. Es war furchtbar!

Was für Wonneproppen – und ich hatte es kaum bemerkt

Die Milch wurde beim Abpumpen immer weniger, bis schließlich gar nichts mehr kam. War ich schon nicht vernünftig genug, so war es offensichtlich mein Körper. Er streikte auf einmal. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich frustriert ins Wohnzimmer wankte, wo mein Mann unsere Tochter gerade mit der Flasche fütterte und meine Mutter unseren Sohn. Mir fiel auf, wie prächtig sie gewachsen waren in den letzten drei Wochen, wie süß sie waren und wie gesund sie aussahen. Ich hatte es kaum bemerkt, ich hatte mich nur darum gedreht eine gute Mutter sein zu wollen, und gedacht, ich müsse stillen. Endlich hatte ich eingesehen, dass ich in diesem „Stillwahn“ übersehen hatte, worauf es eigentlich für ein Kind ankommt: eine gesunde, entspannte und zufriedene Mutter.

Von diesem Moment an habe ich diese sterile Pumpmaschine für immer weggepackt und vollkommen überzeugt zur Flaschenmilch gegriffen. Denn es war das Beste für mich  – und daher auch für unsere Kinder. Wir haben immer dafür gesorgt, beim Fläschchengeben eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, haben die Kinder dabei ganz fest im Arm gehalten und diese Momente beiderseitig sehr genossen. Ein innigeres Verhältnis als das, das wir zu unseren Kindern haben, kann es nicht geben. Heute sind sie sieben Jahre alt und könnten gesünder und wundervoller nicht sein!“

 

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