Du verstehst nur Bahnhof, wenn du vor dem Regal der Säuglingsnahrung im Drogeriemarkt stehst? Dann bist du nicht allein. Ein paar Schlüssel helfen aber schon, um die Sorten im Blick zu haben, die eine Flaschenkind-Mama kennen sollte. Denn Milchpulver ist nicht gleich Milchpulver.

“Ich war wie erschlagen”, sagt Flaschenkind-Mama Simone Müller (31) über den Moment, als sie das erste Mal im Drogeriemarkt von den vielen unterschiedlichen Milchpulversorten angelacht wurde: Pre, 1er, Comfort, Anti-Reflux … Zwar hatte sie die Produktempfehlung ihrer Hebamme in der Tasche, denn die Ernährung des Babys sollte immer mit Hebamme und/oder dem Kinderarzt besprochen werden. Dennoch wollte sie gerne informiert sein, wofür überhaupt was angeboten wird. Da Simone nicht die einzige Mutter mit diesem Problem ist, liefern wir dir einen kleinen Überblick des Milchpulver-Lateins zum Nachlesen.

Regel Nummer eins: keine Rohmilch

Eines vorweg: Flaschenkindern sollte niemals selbst hergestellte Milch aus Soja-, Tier-, Mandelmilch oder anderen Rohstoffen gefüttert werden. Davor warnen das Forschungsinstitut für Kinderernährung, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ausdrücklich. Die im Handel erhältlichen Produkte erfüllen strengste gesetzliche Vorgaben – damit bist du auf der sicheren Seite. Sie sind der Muttermilch angeglichen und können den Nährstoffbedarf des Babys ausgewogen decken. Die Basis ist in der Regel Kuhmilch, von manchen Firmen gibt es auch Säuglingsnahrung auf Ziegenmilchbasis.

Verträgt dein Baby eine Sorte gut, wird gemeinhin empfohlen, bei dieser zu bleiben. Ein Wechsel ist prinzipiell möglich, sprich dich dazu mit deiner Hebamme ab, er sollte vorsichtig und schrittweise erfolgen.

Folgende Produkte gelten als Säuglingsanfangsnahrung:

PRE-Nahrung: Unter normalen Bedingungen ist sie die richtige Wahl – von Anfang an, fürs Zufüttern und auch für hundertprozentige Flaschenkinder. Die PRE-Milch kommt der Muttermilch am nächsten, sie ist genauso dünnflüssig und enthält als alleinige Kohlenhydratquelle Laktose (Milchzucker). Sie deckt die Ernährungsbedürfnisse des Babys. Sollte alles gut laufen, kannst du bis ins Kleinkindalter bei dieser Milch bleiben.

(c) Nuckelchen.de

Wir haben dir in einem PDF alle derzeit gängigen Sorten Milchpulver und ihre Eigenschaften aufgelistet. Das dient dir als Kompass! (c) Nuckelchen.de

1er-Nahrung ist theoretisch ebenfalls von Anfang an geeignet, aber durch weitere Kohlenhydrate wie Stärke angereichert und wird dadurch langsamer verdaut. Oft wird sie von Hebammen empfohlen, wenn Nuckelchen nach einigen Lebensmonaten von der Pre-Milch nicht mehr satt zu werden scheint. Da sie etwas dickflüssiger ist, braucht dein Baby für diese Milch womöglich einen Sauger mit mittelgroßer Lochung. Mehr Stärke bedeutet auch: Es kann eher zu Verstopfungen kommen als bei der PRE-Milch. Gemeinsam mit der Hebamme sollte daher die Umstellung auf diese Milch gut überlegt sein.

Beide, PRE- und 1er-Nahrung, kannst du deinem Flaschenkind wie Muttermilch nach Bedarf füttern, wann immer also das Baby hungrig ist. Auch wenn es schon Beikost bekommt, kannst du bei der Säuglingsanfangsnahrung bleiben.

HA – wenn dein Kind allergiegefährdet ist

Ein Kind gilt als allergiegefährdet, wenn mindestens einer der Eltern an einer Allergie leidet. Das Risiko einer Allergie, vor allem atopischer Dermatitis, kann durch Hypoallergene Nahrung, kurz: HA-Nahrung, gesenkt werden.

Wie funktioniert das? Milcheiweiß kann ein ausschlaggebender Faktor für die Entstehung von Allergien sein. In HA-Nahrungen ist das enthaltene Milcheiweiß bereits in klitzekleine Bestandteile aufgespalten, sodass Nuckelchens Immunsystem diese kleinen Eiweißbausteine als weniger fremd empfindet – und das vermindert das Allergierisiko. Sie sollte konsequent die ersten vier bis sechs Lebensmonate gefüttert werden. Es gibt HA-Nahrung als PRE-, 1er- und Folgemilch, wobei auch hier gilt: so lange wie möglich bei PRE bleiben.

Folgemilch 2 und 3

Von den Produkten Folgemilch 2 und 3 raten Hebammen und Instanzen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ab, da sie ernährungsphysiologisch nicht erforderlich, sondern eher Dickmacher sind, Nuckelchen unnötig an süßen Geschmack gewöhnen und das Kariesrisiko erhöhen. Anders als die Säuglingsnahrung soll sie auch nicht nach Bedarf gefüttert werden, sondern entsprechend den Tagestrinkmengen, die auf der Packung angegeben sind.

2er-Folgemilch: Darf wenn dann erst gefüttert werden, wenn das Baby schon Brei bekommt. Sie enthält mehr Stärke als die 1er-Milch, in einigen Sorten sind künstliche Aromen und Vanille beigemischt.

3er-Folgemilch: Durch sehr hohen Stärkeanteil bzw. häufig auch Getreideflocken sehr dickflüssig und in vielen Fällen so stark durch Aromen angereichert, dass die Milch nach Banane o.ä. schmeckt.

Spezialnahrungen (sind keine Muttermilchersatzprodukte)

Im Handel sind für Flaschenkinder sehr viele Produkte erhältlich, die in besonderen Situationen helfen können, wenn Nuckelchen etwa zu Verstopfungen neigt (Tipp: Combiotik), Blähungen hat (Tipp: Sensitiv, Comfort – diese Milch enthält meistens weniger Laktose, und das Eiweiß ist gespalten, wodurch der Stuhlgang grün wird und nach faulen Eiern stinkt) oder auffallend viel spuckt (Tipp: Anti-Reflux – enthält mehr Eiweiß sowie Ballaststoffe, wodurch die Nahrung dickflüssiger wird).

Unbedingt sollten sich Eltern mit der Hebamme oder dem Arzt beraten, bevor zu einer entsprechenden Spezialnahrung gewechselt wird. Bitte nicht auf eigene Faust herumexperimentieren. Das gilt selbstverständlich auch für spezielle Nahrung für Frühchen – diese enthält besondere Fettmischung aus langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren, mehr Kalzium und Phosphor als PRE-Milch – und bei bekannten Allergien.

GOS, FOS & Co. – was steckt dahinter?

Wer einen genaueren Blick auf die Milchpulverpackung wirft, ist meist von dem Abkürzungsdschungel der Zusammensetzung verwirrt.

Immer häufiger sind inzwischen Produkte, die prebiotische Ballaststoffe (unverdauliche Nahrungsbestandteile) enthalten, meist eine Kombination aus Galacto-Oligosacchariden (GOS) und Fructo-Oligosacchariden (FOS). Dahinter verbergen sich Kohlenhydrate bzw. Zucker, die miteinander verbunden sind die zu einer gesunden Darmflora beitragen sollen, indem sie zur Vermehrung der Bifidusbakterien beitragen.

Manche Industriemilch enthält Probiotika, lebende Bakterienstämme (Bifidus lactis oder Lactobacillus reuteri), die gesundheitsfördernd sein sollen, die Verdauung fördern und Verstopfungen vorbeugen sollen. Studien hierzu sind allerdings bis dato widersprüchlich, sodass die Wirksamkeit nicht zweifellos belegt ist.

Hinter den Kürzeln LCP, LC-PUFA und Omega-3 und -6 verbergen sich langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, wichtig für die Entwicklung des Gehirns. Taurin unterstützt ebenfalls die Gehirnentwicklung und Bildung von Gallensäuren (wichtig für die Verdauung). Synbiotika sind eine Kombination aus Prebiotika und Probiotika.

Wichtig ist in allen Fällen, die Vorschriften zur Hygiene und die genauen Dosierungen auf den Packungen zu beachten.


 

  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Flaschenmilch für Babys
  • Janis Schedlich: Milch & Brei. Das Beste für mein Baby: alles über Stillen, Fläschchen und Brei. Südwest Verlag 2013. (Die Autorin ist freiberufliche Hebamme und gibt regelmäßig Kurse in Berlin. Kontakt: janis.schedlich(at)web.de)
  • Bundesinstitut für Risikobewertung: Gesundheitliche Bewertung von Säuglingsnahrung
Weiterführende Links:

 

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