Nina (30) aus München hat ihr Nuckelchen wenige Wochen lang gestillt und dann scheinbar unkompliziert auf Fläschchen umgestellt. Doch hinter diesem Schritt steckte harte Arbeit und ein noch härteres Fell. Mit ihrem Erfahrungsbericht will sie andere Mütter dazu ermuntern, sich rechtzeitig über mögliche Szenarien nach der Geburt zu informieren, damit sie die für sie beste Entscheidung auch wirklich selbstbewusst und stark treffen können.

„Als ich neulich Pre-Milchpulver für meine Kleine gekauft habe und für mich einen Apfel und eine Banane, lächelte mich die Dame an der Kasse freundlich an und sagte: ‚Sie müssen stillen. Dann klappt das mit dem Abnehmen von ganz allein!‘ Abgesehen von der Dreistigkeit, mit Übergewicht zu unterstellen, war ich in diesem Moment sprachlos ob des Eingriffs einer völlig fremden Person in etwas so Persönliches wie die Ernährung meines Kindes. Denn hier geht es nicht nur um die Frage, ob Karotte oder Kartoffel den besseren Brei machen – sondern es geht darum, ob ich meinem Kind die Liebe, Nähe und Sicherheit bieten kann, die es durchs Stillen angeblich so viel eher bekommen würde als durch die Flasche.

Stillen? Nicht um jeden Preis

Obwohl an allen Ecken und Enden zu jeder Zeit gepredigt wird, wie wichtig und gesund Muttermilch für das Neugeborene ist, hatte ich mir bereits während der Schwangerschaft fest vorgenommen: Ich werde stillen – doch nicht um jeden Preis. Sollte irgendwann der Punkt kommen, an dem Mutter und Kind mehr unter dem Brustgeben leiden als eine intakte Beziehung zueinander aufbauen zu können, wird Fläschchen gegeben. Die Frage sollte sich aber anfangs nicht stellen. Die kleine Dame kam auf die Welt und wurde früher als gedacht mit Milch versorgt. Das fand sie so gut, dass wir anderen Müttern auf der Babystation sogar als „Vorzeige-Still-Paar“ vorgestellt wurden. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich niemals gedacht, dass sich an der Situation etwas ändern könnte.

Und das, obwohl ich mich berufsbedingt fast täglich mit dem Thema Babynahrung via Fläschchen auseinandersetze. Ich bin vertraut mit sämtlichen Studien, die das Thema Stillen nicht einfach nur glorifizieren, sondern sachlich und reflektiert betrachten und im Vergleich mit Flaschenahrung aufzeigen, dass nicht das eine gut und das andere böse ist – sondern beides Möglichkeiten, seinem Kind das Beste zu bieten, was es zum Wachsen und Gedeihen braucht.

Frauen, die nicht stillen, sollen ‚inkompetent‘ sein?

Mir war zu jedem Zeitpunkt klar, dass sich Milchpulver nicht negativ auf die Entwicklung meines Babys auswirkt, es weder dümmer noch dicker würde als andere Kinder. Mütter, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Flaschenmamis zu diskreditieren und öffentlich an den Pranger zu stellen, wie es in manchen Facebook-Gruppen der Fall ist, die sich mit vermeintlichen Ammenmärchen rund ums Stillen beschäftigen, konnte ich stets entgegnen: Nein, eine Mutter, die die Flasche gibt, ist nicht ‚inkompetent‘ (das ist tatsächlich ein Zitat, so traurig es mich stimmt).

Als mein Kleines sechs Wochen alt war, gab es einen Abend, an dem es nicht satt wurde. Das letzte Füttern vor dem Schlafengehen entpuppte sich als Horror, denn Madame trank und trank und trank – doch es reichte ihr nicht. Mein Körper hatte den Moment verpasst, sich auf den ersten großen Wachstumsschub meiner Tochter einzustellen.

Eigentlich hatten wir nie Probleme beim Stillen

Wer nun sagt ‚das kann gar nicht sein, die Brust produziert IMMER babygerecht und seinen Anforderungen entsprechend‘, der darf an dieser Stelle aufhören zu lesen und sich einer dieser grausam ungerechten und verblendeten Facebook-Gruppen anschließen. Denn Tatsache ist: Bis dahin hatten wir niemals Probleme beim Anlegen oder Sattwerden. Kein einziges Mal.

(c) Nuckelchen.de

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Da die Angst, mein Kind könne über die Weihnachtsfeiertage tatsächlich Hunger leiden, zu groß wurde, holte ich mir zum einen eine Milchpumpe, zum anderen eine Packung Milchpulver. Die letzte Mahlzeit des Tages ersetzte ich ab diesem Moment durch eine Flasche, was nicht nur Ruhe und Frieden zurück in unsere kleine Familienidylle brachte, sondern mein Kind lächelnd einschlafen und – ja, sogar durchschlafen ließ. Die Folge war, dass wir beide entspannter in die gemeinsame Nacht starteten, mein Kind nicht mehr unnötig Schmerz empfinden musste und ich als Mutter somit wieder alle Kraft und Ruhe hatte, um 24 Stunden am Tag für mein Kind da zu sein, und zwar mit voller Energie.

Die Flasche war eine Bauchentscheidung

Für mich war die Entscheidung, zur Flasche zu greifen, eine Bauchentscheidung, in der ich von meiner sowie anderen mir bekannten Hebammen und den Krankenschwestern in der Klinik auf Rückfrage durchweg unterstützt wurde. Während meine Mutter mich stets zurück zum Vollstillen leiten wollte, versuchte meine Schwiegermutter gar, mich komplett zur Flaschennahrung zu überreden. Von keiner der beiden ließ ich mich beeinflussen in meiner Entscheidung und bin mir dessen durchaus bewusst, dass ich – im Gegensatz zu vielen anderen Müttern – weit weniger Sorgen oder Kritiker von außen hatte oder Tränen vergießen musste hinsichtlich des Fläschchen-Themas. Hier kam mir mein Hintergrundwissen ebenso zugute wie die Erfahrungsberichte anderer Mütter, die mich in den vergangenen Monaten erreicht hatten.

Aus einer Gute-Nacht-Flasche wurden Fläschchen für unterwegs, wenn ich nicht in der Öffentlichkeit stillen wollte. Mal verlangte die Kleine noch nach der Brust, mal lehnte sie sie ab. Mein Körper passte sich an und nach knapp drei Monaten waren wir komplett bei der Flasche angekommen. Der Papa freute sich, dass er Nachtschichten übernehmen und mir mal einen freien Abend ermöglichen konnte. Er war glücklich darüber, endlich auch eine so innige Beziehung zu seiner Tochter aufbauen zu können, wie ich sie hatte – mit Erfolg.

Dennoch hatte ich ein schlechtes Gewissen

Dennoch ertappte ich mich dabei, wie ich ein schlechtes Gewissen verspürte. Nicht, weil ich an meiner Entscheidung zweifelte, aus einem Stillkind ein Flaschenkind zu machen. Sondern weil mir die gesamte Welt zwischen den Zeilen klar machen wollte, ich sei als Mutter gescheitert. Die Kassiererin im Supermarkt ist nur eine von vielen, die mich ungefragt wissen lässt, was sie von der Ernährung meines Kindes hält. Andere Mütter entpuppen sich als zwischenmenschliche Monster, die, anstatt sich gegenseitig eine helfende Stütze in dieser sensiblen Zeit zu sein, lieber gegenseitig fertigmachen und emotional zu demontieren.

Deshalb kann ich gar nicht oft genug sagen: Hört auf damit, Ladies. Ihr habt das Muttersein nicht erfunden, sondern musstest selbst lernen wie es ist, Mama zu sein und die für euch richtigen Entscheidungen zu treffen. Richtig, die FÜR EUCH richtigen Entscheidungen. Diese sind nicht immer die richtige Lösung für die gesamte weibliche Bevölkerung, sondern für euch. So wie die Meinungen von Ärzten, Fachleuten, Studien, Hebammen und anderen Müttern – selbst der eigenen! – auseinandergehen, so individuell ist jedes Lebewesen und jede Mutter-Kind-Beziehung auf diesem Planeten. Was einer Frau gut tut, kann für eine andere das Schlimmste überhaupt sein, und umgekehrt. Es ist nicht jederfraus Sache, ihr Zweijähriges mit den Worten ‚Komm an Mamas Brust, wenn du das magst, auch wenn da keine Milch mehr rauskommt‘ unters Shirt zu schieben, wie ich es neulich im Zoo beobachten durfte.

Kinder großzuziehen ist Herausforderung genug

Zieht eure Kinder groß, das ist bereits schwer genug und eine gewaltige Herausforderung. Ihr müsst euch nicht auch noch um die Kinder anderer kümmern, schon gar nicht um die Kinder euch Wildfremder. Wenn jemand eure Meinung hören möchte, dann fragt er euch danach. Aber verbietet es euch zum Wohle alle bitte selbst, ungefragt unnütze Kommentare oder gefährliches Halbwissen von euch zu geben. Fragt euch, wie ihr es fändet, wenn man euch in die wichtigste und schönste Zeit eures Mutterdaseins reinreden würde. Ihr müsst niemanden bekehren. Und solltet ihr dennoch das dringende Bedürfnis haben, schließt euch einer entsprechenden Religion an. Keine Mutter ist perfekt, keine. Auch ihr nicht. Wenn ihr mit eurer Wahl gut fahrt, seid froh. Aber maßt es euch nicht an, sie jemand anderem aufzuzwingen.

Inzwischen kann ich beruhigt sein: Meine Kleine entwickelt sich prächtig, wächst ganz wunderbar, ist nicht übergewichtig, ist ihrer Zeit mit Entdeckungen und Entwicklungsschritten sogar ein wenig voraus. Sie schreit nicht. Sie quengelt höchstens, wenn sie Hunger hat oder müde ist. Sonst ist sie das friedlichste, liebste und dennoch aufgeweckteste Wesen, das ich und viele meiner Bekannten seit langem gesehen haben. Und darauf bin ich stolz. Alles richtig gemacht – allen Besserwissern da draußen zum Trotz. Also tut mir den Gefallen, liebe Flaschenmamis, und lasst euch nicht reinreden. Es ist euer Kind, eure Beziehung. Ihr kennt einander und wisst, wer welche Bedürfnisse hat und wie man sie am besten befriedigt. Deshalb seid ihr Mütter und das nimmt euch niemand. Genießt dieses Privileg schweigend und seid froh, dass ihr nicht so tragisch-verbissen sein müsst wie andere Mütter. Seid mit euch und eurer Entscheidung im Reinen. Davon profitiert nicht nur ihr, sondern auch euer Baby. Seid ihr glücklich und entspannt ist es auch euer Kind. Und dafür liebt es euch.“

 

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