Eine elementare Frage für Eltern von Flaschenkindern: Wenn mein Kind keine Muttermilch bekommt, muss es auf etwas verzichten? Wir sehen uns aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse an: Was ist tatsächlich erwiesen – und was nicht? Und wir blicken auf Studien, über die nur wenige sprechen.

Im Januar 2016 hat Werner Schultink von Unicef gegenüber der britischen Mediziner-Zeitschrift “The Lancet” betont, wie wichtig Stillen für die Gesundheit des Kindes sei und welche Vorteile ein gestilltes Baby doch habe. Doch was ist wirklich dran am Hype um die Muttermilch?

Erst nach und nach entschlüsselt die Wissenschaft den Supercocktail Muttermilch, ein wahres Wunder der Natur: Sie ist gut verdaulich und erstaunlich in ihrer Zusammensetzung und Variabilität (nicht nur während der gesamten Stillzeit, sondern sogar während jeder einzelnen Stillmahlzeit): Im ersten Lebenshalbjahr deckt sie den Bedarf an Nährstoffen (außer Vitamin D und K) und Flüssigkeit des Babys. Sie enthält eine Vielzahl an Substanzen, deren Zusammensetzung so nicht reproduzierbar ist. Genau aus diesem Grund beobachtet die Fachwelt sehr detailliert, wie Babynahrungshersteller ihre “Muttermilchersatzprodukte” vermarkten.

Milchpulverindustrie am Pranger

Der Vorwurf seitens zahlreicher Still- und Ärzteverbände gegen Milchpulver-Hersteller: Slogans wie “Nach dem Vorbild der Muttermilch” und Begriffe wie “maternisiert”, “humanisiert” oder “adaptiert” erweckten den Anschein, als wäre Industriemilch gleichwertig oder teilweise gleichwertig mit Muttermilch. Produkte mit solchen Begriffen halten Instanzen wie die “Nationale Stillkommission” für “nicht verkehrsfähig”.

Was viele Mütter gar nicht ahnen: Milchpulver-Anbieter sind in ihren Werbemöglichkeiten tatsächlich eingeschränkt und dürfen – per Gesetz – das Nicht-Stillen nicht durch Formulierungen oder Bilder idealisieren. Dahinter steckt ein Kodex der Weltgesundheitsversammlung (WHO), der im deutschen Recht in der Diätverordnung verankert ist.

Abkehr vom Stillen soll verhindert werden

Stillen war bis ins 19. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit, entweder durch die Mutter oder durch eine Amme. Mit der Industrialisierung kam dann die Flaschenmilch, und vor allem in den 1970er-Jahren war Stillen nicht mehr “en vogue”. Organisationen wie die  “La Leche Liga” und der WHO-Kodex zielten darauf ab, diesen Trend wieder umzukehren. Konkrete Daten, wie viele Babys in den 70er-Jahren tatsächlich gestillt wurden bzw. wie viele Flaschenkinder waren, liegen allerdings nicht vor.

Heute zumindest sind gestillte Kinder in der deutlichen Mehrheit. Zu Beginn werden in Deutschland rund 90 Prozent aller Babys gestillt, nach zwei Monaten sind es nur noch 70 Prozent. Gemeinhin empfiehlt die Fachwelt ausschließliches Stillen über vier bis sechs Monate. Für Beikost nach schon vier Monaten spricht das Ergebnis etwa einer britischen Studie aus dem Jahr 2011, derzufolge so das Risiko einer Nussallergie sinkt.

Schützt Muttermilch vor Allergien?

Warum Muttermilch in den besagten ersten Lebensmonaten so wertvoll ist, dokumentiert “Die Nationale Stillkommission” in ihrer Zusammenfassung der Studienlage so: Ausschließliches Stillen verringere das Infektionsrisiko im Säuglingsalter um 40 bis 70 Prozent (und somit die Zahl von Krankenhausaufenthalten im ersten Lebensjahr) sowie das Risiko für Infekte der unteren Atemwege, Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Infektionen. Späteres Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 träten durch ausschließliches Stillen “möglicherweise” seltener auf – eindeutig sei dies aber nicht.

Eine Theorie, die der Volksmund gerne weiterreicht: Muttermilch schütze erwiesenermaßen vor Allergien (Asthma, atopische Dermatitis und Ekzem). Hinweise dafür gibt es zwar, doch wissenschaftlich erwiesen ist es nicht. Umgekehrt widerlegte die britisch-deutsche Studie ISAAC 2011 die These, dass Muttermilch atopischer Dermatitis vorbeugt.

Debatte mit erhobenem Zeigefinger

Generell ist die Studienlage zur Muttermilch nicht so abgesichert, wie es den Anschein hat. Kontrollierte Studien sind oft aus ethischen Gründen schwer umsetzbar. Für zuverlässige Ergebnisse muss gewährleistet sein, dass die untersuchten Säuglinge wirklich ausschließlich mit Muttermilch ernährt wurden, oft fehlt es auch an langfristigen Daten.

Die amerikanische Soziologin Joan B. Wolf (“Is Breast best?”, 2013) kritisiert, dass die Qualität jener Studien, die die Überlegenheit des Stillens belegten, zu wenig hinterfragt und anders lautende Ergebnisse in der Öffentlichkeit kaum thematisiert würden. Den Grund sieht sie im gesellschaftlichen Klima: Die Frage, was eine gute Mutter ausmache, werde heute dogmatisch und mit erhobenem Zeigefinger diskutiert. Dies führe so weit, dass eine Mutter sich ständig in einer Art Rechtfertigungshaltung befinde, wenn es um ihre eigenen Entscheidungen geht. Wolf fasst das mit der Terminologie “ideology of total motherhood” (Ideologie der totalen Mutterschaft) zusammen.

Studien, über die kaum jemand spricht

Ein schwerwiegender Vorwurf gegen fast alle bisherigen Studien: Es wurden in der Regel Kinder – gestillte und Flaschenkinder – aus unterschiedlichen Familien untersucht, wobei wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren nie ausgeschlossen werden können. Diese Kritik trifft auch jene viel zitierten Studien, nach denen gestillte Kinder intelligenter und im späteren Leben erfolgreicher sein sollen als Flaschenkinder: Fakt ist, dass eine Frau eher stillt, je höher ihr Bildungsgrad ist. Hier spielen also noch ganz andere Faktoren mit als nur die Muttermilch.

Das belegte auch eine Studie der Ohio State University von 2014. Ein Teil dieser Untersuchung widmete sich Familien, in denen Mama mindestens ein Kind stillte und mindestens ein anderes Kind mit der Flasche fütterte. Das Ergebnis: Flaschenkinder unterschieden sich Jahre später (im Alter von vier bis 14 Jahren) in physischer, emotionaler und intellektueller Entwicklung nicht signifikant von ihren gestillten Geschwistern.

Hochwertige Nahrung für Flaschenkinder

Was zudem nicht vergessen werden darf: Die Wissenschaft “ermittelt” nicht nur rund um die Muttermilch, sondern arbeitet auch an der steten Verbesserung der Säuglingsnahrungen. Die Leiterin des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund, Mathilde Kersting, äußerte schon 2012 in der “Zeit” die für Eltern von Flaschenkindern beruhigenden Worte: “Wer nicht stillen kann oder möchte, der kaufe eine Anfangsnahrung und füttere eben diese. Die Ersatzmilchprodukte sind in den vergangenen Jahren immer besser geworden.”

Um die Qualität der Produkte weiß man sogar auf anderen Kontinenten. Asiaten kaufen seit einigen Jahren das deutsche Milchpulversortiment auf und bieten die Produkte um ein Vielfaches des Preises in der Heimat an. Die gesetzlichen Richtlinien hierzulande sind streng, die Zusammensetzung und die bakteriologischen Anforderungen und Grenzwerte für Rückstände und Schadstoffe in Milchpulvern in der EU einheitlich geregelt. Farb-, Geschmacks-, und Konservierungsstoffe dürfen nicht verwendet werden. Insofern müssen Mütter, die ihrem Baby das Fläschchen geben, keine Bedenken haben.

(Stand: September 2015)


 

Quellen: 
“Nationale Stillkommission” (Vorteile der Muttermilch) : Unterschiede in der Zusammensetzung von Muttermilch und industriell hergestellter Säuglingsanfangs- und Folgenahrung

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“Nido”: Das Beste fürs Kind – Wer sein Baby nicht stillt, steht im Verdacht, eine schlechte Mutter zu sein. Stillen fördere die Bindung, schütze vor Allergien und Übergewicht. Aber stimmt das wirklich?

Die US-amerikanische Journalistin Hannah Rosin packt das Thema auf unterhaltsame Weise an: The Case against breastfeedingeue Zürcher

Neue Zürcher Zeitung: Weib, du sollst stillen! – Wer nicht stillt, schadet seinem Kind. Dieses Mantra der Still-Lobby ist wissenschaftlich nicht belegt

 

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