Manche Menschen sagen Dinge, für die man sie am liebsten verklagen würde. Auch Mütter, zum Beispiel die Lästerschwestern vom Spielplatz oder die doppelzüngigen Kita-Glucken. Das Problem kennt auch Nina Straßner – und zwar von beiden Seiten der Kommunikationsmedaille. Sie ist nicht nur Juristin, sondern auch Mutter. Die Kombination aus beidem hat nun zur Veröffentlichung ihres ersten Buches geführt: “Keine Kinder sind auch keine Lösung”. Im Interview verrät uns die “Juramama”, was man gegen böse Sprüche von anderen Müttern tun kann und wieso es so wichtig ist, dass wir Kinder – nicht nur unsere eigenen! – endlich über zwischenmenschliches Gezicke stellen.

Kinder brauchen eine Lobby, denn wer kann sich für die einsetzen, wenn nicht wir Eltern? Trotzdem werden Mütter nicht müde, andere Mütter eher zu verurteilen und infrage zu stellen, anstatt sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Verständnis allein würde an dieser Stelle schon reichen. Was es sonst noch braucht, hat Nina Straßner in ihrem Buch “Keine Kinder sind auch keine Lösung” aufgearbeitet. Wir haben mit der “Juramama” darüber gesprochen.

Nuckelchen.de: “Ich bin so sauer – ich schreibe jetzt ein Manifest.” Dieser Gedanke treibt sicherlich einige Mütter um, doch du hast es getan. Du hast all das, was dir an blöden Kommentaren und unqualifizierten Beiträgen begegnet ist, genommen und ein Buch darüber gesprochen. Wie lange hat es gebraucht, bis du dich dazu durchringen konntest?

Nina Straßner: Gar nicht so lange eigentlich. Mein Blog hatte damals recht schnell eine emsige Leserschaft und dann kamen die Angebote der Verlage und irgendwann konnte und wollte ich nicht mehr Nein sagen. Aus einem geplanten Ratgeber wurde dann eine Mischung aus Recht, Alltag und Gesellschaftspolitik. Recht und Politik hängen eng zusammen. So wie Kinder und Schlafdefizit quasi, das eine gibt es nicht ohne das andere.

Ganz kurz: An wen ist dein Buch gerichtet?

In erster Linie an Familien, in zweiter an jene, die eine werden wollen und an die Generation unserer Eltern. Ach. An alle.

Hand aufs Herz: Wie oft warst du schon kurz davor, jemand damit zu drohen, ihn zu verklagen, weil er dir einfach unfassbar auf die Nerven gegangen ist?

Hach, das wäre manchmal fein wenn es Schmerzensgeld geben würde für Menschen, die einem auf dem Zeiger gehen. Mit Klagen oder Anwalt drohen ist ja die Erwachsenenform von “Das sag ich meiner Mama”, deswegen lass ich das lieber. Ich bin in solchen Situationen genauso unprofessionell wie alle anderen Nicht-Juristen.

Welches war die deiner Meinung bislang unverschämteste Konfrontation mit dir bzw. für dich als Mutter von zwei Kindern?

Meist richten sich diese Situationen ja in erster Linie gegen meine Kinder, daher nur indirekt gegen mich. Aber genau das ist ja das ätzende: Gegen Kinder zu wettern, offensichtlich die Augen zu verdrehen, sich an ihnen vorbeizudrängeln oder unfreundlich zu ihnen zu sein ist viel leichter als es bei einem Erwachsenen zu tun. Bei Kindern gibt es eine kleine bis keine Hemmschwelle, eben weil sie schwächer sind. Die Lächeln sogar zurück. Ist schon bemerkenswert wie unhöflich viele Erwachsene zu Kindern sind, während sie von ihnen “Höflichkeit” fordern.

Was glaubst du, warum Mütter in sozialen Netzwerken so oft und gefühlt schon fast gern gegen andere Mütter wettern?

Das geht mir so unendlich auf den Zeiger und ich frage mich wirklich seit Jahren, warum das so ist. Vielleicht weil es gut tut auf andere zu zeigen? Dampf abzulassen? Sich mal kurz denken so können “HA! DIE VERKACKT ES AUCH”. Tut vermutlich manchmal einfach auch gut und ist menschliche Schwäche. Das Dumme ist nur, dass das Internet dazu verführt, Dinge loszulassen, die man jemandem niemals ins Gesicht sagen würde.

Warum ist es für Frauen, die alle gewisse Probleme und Sorgen miteinander teilen, so schwer, eine Einheit zu bilden?

Das ist, denke ich, ein Menschen-Problem. Kein spezifisches Frauenproblem. Immer wenn Emotionen ins Spiel kommen, geht es schief. Das ist mein täglich Brot im Beruf und auch als Mutter. Solange man Spielplätze mit rivalisierenden Mütterhorden noch nicht mit Polizeiaufgebot schützen muss, sind wir zumindest zivilisierter als jedes Fußballspiel in der dritten Liga.

Du bist nicht nur Mutter und Autorin, sondern auch Juristin: Wann und wie kann ich mich als Mutter denn juristisch gegen Beschimpfungen und Angriffe im Netz schützen?

Nicht online gehen. Sobald man sich im Netz positioniert kriechen die Hater aus ihren Löchern und die Verfolgung ist wahnsinnig schwierig. Wenn das Ganze strafrechtlich relevante Ausmaße annimmt, dann gut dokumentierten und Anzeige erstatten.

Was würdest du jemandem raten, bevor er sich das nächste Mal in eine Momentaufnahme von Mutter und Kind einmischt?

Urteilen ist ja immer leichter als nachdenken. In den allermeisten Fällen haben diese Momentaufnahmen ja eine Vorgeschichte und jedem Elternteil ist es grundsätzlich selbst überlassen, welche erzieherischen Grenzen er ziehen möchte. Es ist schon erstaunlich, wie leicht sich manche ein Urteil bilden und auch konkrete Einmischungen nicht scheuen, wenn es um Eltern und ihre Kinder geht. Bei einem Ehestreit am Nachbartisch mischen wir uns doch auch nicht ein und sagen sowas wie: “Also Sie lassen sich ja von Ihrer Frau ganz schön tyrannisieren. Lassen Sie die doch das nächste Mal im Auto, wenn Sie ins Restaurant gehen.” Ich bin ein großer Freund von Leben und Leben lassen.

Wie sollte Kritik gegenüber einer Mutter im Idealfall formuliert sein?

Als ich Teenager war, lief ich mit meiner Mutter durch die Fußgängerzone meiner Heimatstadt und eine andere Mutter schrie dort ihre zwei kleinen Kinder an, die nicht mehr weitergehen wollten, und schleppte drei Einkaufstüten und ein Laufrad. Meine Mutter ging zu ihr, nahm ihr das Laufrad und ‘ne Tüte ab, gab mir die anderen beiden Tüten und fragte die Frau: “So. Wo müssen Sie hin?” – Das hat mich beeindruckt. Das ist konstruktiv.

Noch mal thematisch hin zum Nachwuchs: Du beschreibst in deinem Buch ganz wunderbar den kindlichen Kosmos, der so oft auf Unverständnis bei Außenstehenden – und selbst bei den eigenen Eltern – stößt. Brauchen Kinder eine Lobby?

Mehr als alle anderen. Sie sind so schutzlos und gleichzeitig so wichtig. Wir verdrängen sie immer mehr, weil unsere Gesellschaft immer älter wird und immer mehr “Alte-Leute-Bedürfnisse” befriedigen will und muss. Die Lobbyarbeit fängt bei uns selbst an, zieht sich über unsere Arbeitgeber bis weit in die Politik rein. Deswegen musste ich ja das Buch schreiben und rechtliche Schützenhilfe geben.

Warum entschuldigen wir uns eigentlich ständig für unsere Kinder?

Manchmal schlicht weil sie Scheiße gebaut haben. Meine Kinder machen ständig irgendwas, was eine Entschuldigung verdient. Allerdings habe ich es mir abgewöhnt mich für ihre bloße Anwesenheit zu entschuldigen und unterwürfig lächelnd einen Laden zu betreten, damit mich bitte bloß keiner anraunzt. Selbstbewusstsein wo es nötig ist und ein gutes Vorbild, wenn man was ausgefressen hat. Ich versuche das zumindest.

Unsere Kinder werden groß im Wissen, dass sie nicht überall erwünscht sind, dass sie eine Last sind. Wie glaubst du wird sich das auf ihre Entwicklung auswirken? 

Vermutlich gar nicht. Es wirkt sich aber negativ auf meine Entwicklung aus und akut auf mein Familienleben. Auf einen Kinderwunsch junger Paare vielleicht auch. Das nervt mich und behindert mich in meiner freien Entfaltung und Entwicklung und die brauche ich, um meine Kinder zu offenen und toleranten Leuten zu erziehen.

Zum Schluss: Womit sollten Mütter deiner dringend aufhören?

Andere zu beurteilen und zu verurteilen. Wenn wir nicht zusammenhalten sind wir verloren. Väter sind da übrigens ganz genauso gemeint.

 


Nina Straßner ist Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeitsrecht. Sie ist auch: Zweifache Mutter, liebevolle Ehefrau, erfolgreiche Bloggerin und seit neuestem auch Autorin. Wie sie das alles unter einen Hut kriegt, erfahrt ihr auf juramama.de. Ihr erstes Buch “Keine Kinder sind auch keine Lösung” ist im März 2017 bei Bastei Lübbe erschienen. Bestellen könnt ihr es für 10,- Euro bei Amazon:

 

 

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