Gib deinem Kind lieber freudig die Flasche als ihm unglücklich die Brust zu reichen – das rät Hebamme Janis Schedlich: „Damit eine Familie zusammenwachsen kann, müssen sich alle wohlfühlen.“

„Nicht alle Frauen können oder wollen stillen. Und niemand muss stillen. Haben Sie sich bewusst gegen das Stillen entschieden, stehen Sie dazu. Häufig ist es allerdings so, dass Sie als frisch gebackene Mütter gar nicht genau wissen, was Sie eigentlich wollen.

Verwandte und bekannte Frauen berichten von ihren eigenen, häufig auch negativen Stillerfahrungen. Man hört oft: ‚Das mit dem Stillen hat bei mir nicht geklappt, aber wir haben euch ja auch groß bekommen.‘ Oder: ‚Wenn du die Flasche gibst, können wir besser helfen.‘

Mütter und Omas haben andere Einstellung zum Stillen

Dazu muss gesagt werden, dass mit dem Einzug der Säuglingsmilchen in den 1970er-Jahren sogar von den Kinderärzten die Flasche empfohlen wurde. Hebammenhilfe zu Hause gab es nicht. In den 1980er-Jahren hatten die wenigsten Frauen eine Hebamme. Diese Art der Wochenbettversorgung ist erst seit 1990er-Jahren gängig, und es gibt ‚Stillfreundliche Kliniken‘, die darauf achten, dass die Frauen nicht ohne Hebamme nach Hause entlassen werden.

Unsere Mütter, Schwiegermütter, Tanten und Omas hatten also keine Hilfe und Beratung von einer Fachfrau, und so hat das Stillen häufig nicht geklappt oder war einfach unmodern. Heute wird gesellschaftlich vorausgesetzt und auch erwartet, dass die Frau stillt.

Das Stillen ist etwas sehr Persönliches und Körperliches. Als Frau muss man bereit sein, alle paar Stunden die Brust auszupacken und das Kind daran saugen zu lassen. Die Mutter muss Tag und Nacht zur Verfügung stehen, und die eigenen Bedürfnisse kommen dabei häufig zu kurz. Um das zu können, müssen sehr viele Faktoren stimmen: Der Partner ist auch pro Stillen, die Familie mischt sich nicht so ein, die Frau hat ein gutes Körpergefühl und möchte stillen, und vor allem gibt es im Vorfeld ausreichend Informationen für einen guten Stillstart.

Zeit des Wochenbetts soll schön sein

In meiner Hebammenpraxis widme ich ein Vorgespräch ausschließlich dem Thema: ‚Was soll das Baby essen, wenn es da ist?‘ Manche Frauen sind ganz klar für das Stillen. Von manchen höre ich aber: ‚Naja, Stillen soll ja das Beste sein.‘ Dann weiß ich schon, dass die vor mir sitzende Frau viel Informationen benötigt. Sie steht möglicherweise unter dem Druck, stillen zu müssen. Ich berichte, wie das mit so einem Stillkind ist und frage, was das Umfeld ihr rät. Meist wird ihr die Angst genommen, wenn wir uns darauf einigen, das Stillen zu probieren, aber nicht bis zur Erschöpfung zu forcieren.

Die Psyche spielt eine entscheidende Rolle, und es verlangt viel Fingerspitzengefühl, um gemeinsam herauszufinden, was das Beste für diese Familie ist. Manche Dinge kann man als Hebamme ansprechen und klären, aber einige Päckchen, die Frauen mit sich herumtragen, bleiben in Schwangerschaft und Wochenbett lieber verpackt, damit die werdende Mutter weiter ‚funktionieren‘ kann und nicht in ein ‚Loch‘ fällt.

Für mich ist das Wichtigste, dass die Familie zusammenwachsen kann und die Zeit des Wochenbettes eine schöne Zeit wird. Dafür müssen sich alle wohlfühlen.

Durchhalten lohnt sich oft

Treten im Wochenbett Schwierigkeiten auf – etwa extrem wunde Brustwarzen, wiederkehrender Milchstau, das Baby schreit die Brust an und will nicht trinken oder beißt hinein, die Frau ist so schmerzempfindlich und kann das Saugen nicht ertragen, der Partner zieht sich zurück oder es gibt Streit, um nur einige Beispiele zu nennen – versuche ich herauszufinden, woran das liegt.

Manchmal liegt es tatsächlich beispielsweise an der falschen Stillposition oder nur an dem ‚Babyblues-Heultag‘, den viele Frauen nach der Geburt haben, und die Probleme lösen sich innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Geburt. Oft lohnt es sich durchzuhalten, wenn Widrigkeiten beim Stillen auftauchen. Es gibt einige Mütter, die schon aufgeben wollten, und dann ging es plötzlich.

Kein schlechtes Gewissen bei Industriemilch

Manchmal ist das Problem aber ein ganz anderes, wie ich bei meiner Arbeit erfahren habe. Ich habe erlebt, dass eine Frau nicht stillen wollte, weil sie das erste Kind auch nicht gestillt hat und keine Ungerechtigkeit wollte, ihre große Brust nicht immer sehen mag, der Mann eifersüchtig ist, da dem Kind die Brust jetzt gehört, die Frau ihren Körper wieder ganz für sich möchte. Manchmal gab es Missbrauchserfahrungen in der eigenen Kindheit, manchmal entscheidet der Partner für seine Frau, indem er sagt, dass jetzt die Flasche gegeben wird, weil er sie nicht länger Leiden sehen will.

Es gibt also Probleme, die nicht sofort gelöst werden können. Diese gilt es für mich zu erkennen und der Familie zu helfen, für sich einen guten und soliden Weg in das Familienleben zu finden.

Und es gibt Fälle, in denen es für alle Beteiligten am besten ist, auf das Fläschchen zurückzugreifen. Diese Entscheidung ist ein Prozess und muss wohlüberlegt sein, denn hat Frau einmal abgestillt, ist es fast unmöglich die Milch zurück zu zaubern.

Heutzutage muss sich aber niemand verrückt machen und kein schlechtes Gewissen haben, wenn das Baby mit einer industriell hergestellten Milch ernährt wird. Die Säuglingsmilchen unterliegen strengen Kriterien und sind so optimal und hochwertig hergestellt, dass eine gesunde Ernährung gewährleistet ist. Mit dieser Milch kann der Nährstoffbedarf ausgewogen gedeckt werden. Sie ist der Muttermilch angeglichen.

Zeit der Schwangerschaft zur Vorbereitung nutzen

Das ganze Thema ist sehr komplex und schwierig. Auch mir als Hebamme mit langjähriger Erfahrung passiert es, dass das Stillen in einer Familie nicht klappen will, und man weiß einfach nicht, woran es liegt und findet es auch nie heraus.

Ich rate, dass sich Paare rechtzeitig mit der zukünftigen Ernährung ihres Kindes auseinandersetzen und miteinander reden. Vorbereitung ist der halbe Erfolg. Hebammenhilfe ist eine Leistung der gesetzlichen und fast aller privaten Krankenversicherungen und steht jeder Frau ab Beginn der Schwangerschaft zu.“


 

Janis Schedlich / ZVG

Janis Schedlich / ZVG

Janis Schedlich, zweifache Mutter und Hebamme in Berlin, arbeitet schwerpunktmäßig in der Wochenbettbetreuung sowie Still- und Beikostberatung. Kontakt: janis.schedlich(at)web.de. In ihrem Buch „Milch & Brei, Das Beste für mein Baby – alles über Stillen Fläschchen und Brei“ (Südwest Verlag, 2013) widmet sie auch ein Kapitel dem Thema „Stillen ist kein Muss!“.

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