Die wenigsten unserer Mütter haben gestillt, heute scheint man gar keine Wahl zu haben. Wissenschaftlerin Courtney Jung vergleicht es mit einem Pendel, das von einem Extrem ins andere schwingt. Das Absurde daran: Für den Stillzwang gibt es kaum haltbare Gründe.

Da traut sich einer was! Der US-Comedian und TV-Moderator Adam Conovers enthüllt in seiner Show erbarmungslos versteckte Wahrheiten zu verschiedenen Themen unseres Alltags. Was wir für Fakten halten, entlarvt er als Mythen. Deswegen heißt seine Sendung auch “Adam ruins everything” (“Adam ruiniert alles”).

Kürzlich ging es ums Stillen. Conover bat Courtney Jung, Mutter und Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Toronto, zum Interview. Sie ist Autorin des Buches “Lactivism”, in dem sie analysiert, wie Stillen im Laufe der Jahrzehnte zum “Big Business”, ja zu einer Art Alleinherrschaft wurde.

Conovers Sendungsformat lässt eine lustige Herangehensweise vermuten. Doch führen er und Jung anhand historischer Daten und Fakten immer tiefer in das Thema. Am Ende bleibt man kopfschüttelnd zurück. Darüber, wie innerhalb weniger Jahrzehnte das Stillen vom No-Go zum absoluten Diktat wurde. Jung führt dabei das Bild eines Pendels an, das von einem Extrem ins andere schwang.

Heute leiden viele Frauen darunter, die diesem “Konsens” nicht entsprechen können und sich wie schlechte Mütter fühlen.

Unter diesem Link könnt ihr die Sendung nachhören – vielleicht beim Wäscheaufhängen, es lohnt sich wirklich! Für alle, die nicht die Zeit haben, hier einige der zentralen Aussagen von Jungs (fast einstündigem) Interview:

Stillen heute – eine Lebenseinstellung

Stillen ist laut Jung längst nicht mehr nur eine Art, ein Baby zu füttern. “Es geht darum, was für Menschen wir sind.” Und vor allem “was für Eltern”.

Für Feministinnen ist Stillen ein Symbol für Emanzipation, für Christen ein Ausdruck von Gottes Kraft. Es ist aber auch ein Umweltthema (Verpackungen –> schlecht für die Umwelt) und passt zum Trend “zurück zur Natur” sowie in die Bewegung, sich möglichst von regionalen Lebensmitteln zu ernähren. “Was könnte regionaler sein als Idee eigenen Brüste?”, sagt Jung mit einem Augenzwinkern.

Seit den 90ern breitet sich zudem das “Attachment Parenting” aus, bei dem das Stillen eine zentrale Rolle spielt.

Rückblick: Von einem Extrem ins andere

Frauen, die nicht stillen konnten oder nicht genügend Milch produzierten, mixten früher oft abenteuerliche Kombinationen aus Wasser, Zucker oder Kuhmilch zusammen, weshalb viele Kinder starben. 1880 wurde im Hause Nestlé Muttermilchersatz erfunden “und rettete Leben”, schildert Jung.

1956 gründeten sieben katholische Frauen, die ihre Kinder stillten und ein Netzwerk zur Unterstützung anderer Mütter die “La Leche Liga”.

“Es ging dabei auch darum, die Kontrolle von den Ärzten zurückzubekommen”, erkärt Jung, “die waren schließlich alle Männer und konnten auf dem Gebiet schlichtweg keine Experten sein.” Das Netzwerk sei schnell gewachsen, weil viele Frauen stillen wollten, aber keine Hilfe bekamen und Ärzte Milchpulver empfahlen.

In den 70ern begann dann die Feminismus-Bewegung, die das Stillen auch zum Thema der Emanzipation machte.

Ebenfalls in den 70ern liegen dann die Wurzeln dafür, dass Milchpulver heute von vielen als “böse und gefährlich”, wie Jung es formuliert, betrachtet wird: Damals begann die stark kritisierte, aggressive Vermarktung durch Nestlé in Entwicklunsländern. Fatal deshalb, weil das schmutzige Wasser dort mehr als ungeeignet war für die Herstellung des Muttermilchersatzes.

Ein internationaler Skandal war die Folge, Milchpulver generell geriet in Verruf. “Dabei ist nichts Gefährliches an Milchpulver, wenn man es mit sauberem Wasser mischt”, sagt Jung, “aber das Pendel schwang nun in das andere Extrem. Stillen wurde zum Symbol im Kampf gegen Kapitalismus, zu einem Thema der Linken.”

So kam es also zum Comeback des Stillens. “Und das ergab voll uns ganz Sinn”, meint Jung, um dann einzuschränken: “bis zu einem gewissen Punkt.“

Welche Vorteile des Stillens erwiesen sind

Jung zeigt sich erstaunt darüber, was heute so alles über Muttermilch behauptet wird: Angeblich reduziere sie das Risiko von Herz- und Lungenkrankheiten, von Krebs und Infektionen, erhöhe die Intelligenz und so weiter – und diese vermeintlichen Tatsachen würden gemetsmühlenartig wiederholt.

Dabei seien die meisten Studien zum Stillen nicht eindeutig. Das Problem: Die Gruppen – stillende und nicht-stillende Mütter – unterscheiden sich schon per se voneinander. Bei stillenden Müttern ist es unwahrscheinlicher, dass sie arbeiten, rauchen und ihre Kinder in Fremdbetreuung geben.

All diese Faktoren können ebenso der Grund sein für die Studienergebnisse wie die Muttermilch. (Wir berichteten auf Nuckelchen darüber: Um eindeutige Ergebnisse zu erhalten, müssten Geschwisterkinder verglichen werden, von denen eines gestillt, eines nicht gestillt wurde. Eine solche Studie gab es und stellte als Ergebnis keine signifikanten Unterschiede zwischen den Kindern fest).

Ein Effekt, den die Muttermilch erwiesenermaßen hat: Sie reduziert das Risiko von Infektionen im Babyalter (Herz, Lunge, Ohren, Magen-Darm). Hier ist laut Jung auch erwiesen, dass dieses geringere Risiko tatsächlich mit der Muttermilch zu tun habe, weil erforscht ist, wie genau die Muttermilch das bewerkstelligt.

Jung nennt diesen Vorteil aber “sehr, sehr bescheiden”, denn: “Sechs Frauen müssten sechs Monate ausschließlich stillen, um eine Ohreninfektion zu verhindern.”

Das Stillen hätte also einen Effekt für die Öffentlichkeit als ganze. Bricht aber eine einzelne Mutter diesen statistischen Wert auf sich herunter, sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Stillen bei ihrem Kind eben keine Ohrenentzündung verhindere und deshalb keinen Effekt hat.

Fatale Auswirkungen für Mütter, die nicht stillen können

Dennoch herrscht eine Art Besessenheit vom Stillen. Zwei Grundsätze der Stillbewegung hätten zu der Mainstream-Meinung geführt, jede Mutter solle stillen, sagt Jung: 1. Dass Stillen entscheidend für die Gesundheit des Kindes wäre. 2. Dass jede Mutter stillen kann.

Negative Folgen hätte dies für Mütter, die es aber eben nicht können oder sich dagegen entschieden haben. “Sie fühlen sich, als würden sie versagen als Mütter, sie schämen sich.” Gerade frisch gebackene Mütter seien verletzlich, besorgt, ängstlich, verunsichert – das gelte nach der Geburt auch für sehr selbstbewusste Frauen. Deswegen suchen sie Rat, um möglichst alles richtig zu machen.

Der Druck, der dann ausgeübt wird hinsichtlich des Stillens, sei Psychologen zufolge häufig ein Grund für postpartale Depressionen. Jung erwähnt in dem Zusammenhang auch eine Problematik, die ohnehin viele Frauen betrifft: die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. “Wen dies plagt, der wird nach der Schwangerschaft noch größere Probleme haben – erst recht aber, wenn es mit dem Stillen nicht klappt”, zeigt sie sich besorgt.

Botschaft der Wissenschaftlerin

Jung fasst abschließend ihren Rat zusammen, den sie Müttern da draußen gibt: “Wenn Sie stillen wollen und es gut klappt – für Sie, Ihr Baby, Ihre Familie – dann unbedingt: Tun sie es. Aber wenn es für Sie nicht funktioniert, Sie sich unwohl fühlen, Sie es nicht wollen: Wechseln Sie zum Milchpulver, und fühlen Sie sich nicht schuldig dabei.”

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