Großes Glück hatte Antonia Fuchs (35, Online-Redakteurin) aus München, dass nach Geburtskomplikationen letztlich alles gut ging. Körperlich geschwächt, sah sie das Fläschchen als einzigen Weg, wahrhaft für ihre Kinder da zu sein. Ein Erfahrungsbericht.

„Liebe Mamas! Wer kurz vor einer Entbindung steht, sollte meine Geschichte wahrscheinlich besser nicht lesen. Wenn sie auch ein – nein, eigentlich zwei oder sogar drei happy endings hat. Es begann auch alles glücklich, denn mein Goldspatz war als Ostergeschenk 2012 heil auf die Welt gekommen. Da ein Rest von der Plazenta aber in der Gebärmutter verblieben war, musste eine Ausschabung unter Vollnarkose gemacht werden. Eigentlich kein gefährlicher Eingriff, doch traten Komplikationen auf, bei denen ich mehrere Liter Blut verlor.

‚Aus dir kommt Milch?!‘

Wir bekamen ein Familienzimmer, mein Mann zog mit in die Klinik ein und kümmerte sich um alles. Da mich selbst das Sprechen anstrengte, schirmten meine Eltern Anrufe und Besuche ab. Wenigstens konnte ich meinen Goldspatz verliebt im Arm halten. Als meine Mutter sah, wie ich ihn anlegte, fragte sie fassungslos: ‚Aus dir kommt Milch?‘

Es wunderte mich ehrlich gesagt selbst. Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass er so viel trank, da er permanent einschlief an meiner Brust. Eine Stillberaterin erklärte mir, ich müsse ihn unterm Kinn kitzeln, am besten auch an den Füßchen, und sollte gleichzeitig die Brust ausstreichen. Äh, mit zwei Händen, von denen eine ihn hielt? Mein Mann und ich versuchten es gemeinsam, eine Dreiviertelstunde lang, vollkommen verkrampft natürlich. Er strich die Brust aus, ich versuchte, den Kleinen zu animieren. Er brachte danach genau fünf Gramm mehr auf die Waage.

Beim Abpumpen sah ich Regenbögen

Ich erklärte der Stillberaterin erneut die Situation, obwohl man es dem gelben Baby und seiner schneeweißen Mama eigentlich ansah: dass mein HB-Wert (vor der Geburt bei 15) nur durch eine Bluttransfusion von 5 auf aktuell 6 gestiegen sei, dass mein Kind Gelbsucht habe und zunehmend apathisch werde. Ob wir ihm denn nicht einfach ein Fläschchen geben könnten? Breites Colgate-Lächeln und erhobener Zeigefinger: ‚NEIN, das kommt nicht infrage. Wenn Sie jetzt mit Zufüttern anfangen, sind Sie ganz schnell im Abstillzyklus.‘

Gott sei Dank sah das die Nachtschwester nicht so. Als mein Kleiner einfach nicht zu beruhigen war, obwohl ich ihn immer wieder anlegte, brachte sie kurzerhand das Fläschchen. ‚Ich soll doch stillen …!‘, warf ich ein. Aber mein Mann brachte es auf den Punkt: ‚Wichtig ist doch jetzt ganz allein, dass er Flüssigkeit bekommt!‘

Danach begann das Abpumpen. Alle zwei Stunden. Mir wurde dabei schwindelig, übel, ich bekam Migräne mit Sehstörungen – kleine bunte Regenbogen flogen durch das Zimmer. Ich wäre so gern mal aufgestanden, um mein Baby zu wickeln, aber daran war nicht zu denken. Die Hebammen versuchten, mich zu motivieren: ‚Sie sind eigentlich so schlecht beieinander und haben trotzdem so viel Milch, wenn auch im Moment noch nicht genug, aber er ist ja auch ein großer Brocken!‘

Muttermilch und Milchpulver im Wettlauf

Nach acht Tagen durften wir nach Hause. Es war ein sehr emotionaler Moment nach allem, was passiert war. Und dann ging es weiter: 45 Minuten Stillen, der Goldspatz schlief immer ein, danach Zufüttern, der Goldspatz schlief immer ein, dann ab zur Pumpe, Übelkeit, Migräne, Wickeln, schnell irgendwas Essbares für mich finden, wieder Stillen … Ich machte das zwei weitere Wochen lang so, nur mit Hilfe der Familie war es überhaupt möglich. Ich kam einfach nicht zu Kräften. Da war nun mein Kind, ich wollte ihm alles geben und hatte das Gefühl, gar nicht wirklich da zu sein.

So fragte ich meine Hebamme, wie die Chancen stünden, dass ich je voll stillen würde. Ihr Vorschlag: Einen Tag lang nur Abpumpen und dem Kleinen nur die Flasche geben, um zu sehen, wie weit er mit seinen Bedürfnissen meiner Milchproduktion voraus war. Ergebnis: Ich hatte halb so viel Milch wie er brauchte. Meine Hebamme unterstütze mich bei der Entscheidung, meinen Körper gesunden zu lassen und abzustillen. ‚Was zählt, ist immer die Gesamtsituation‘, sagte sie. Es war dennoch ein schwerer Prozess, denn es kam noch lange Milch aus mir herausgetröpfelt, was mich immer wieder zweifeln ließ. Aber: Es ging schlagartig bergauf mit der Genesung. Ich wurde vom Pflegefall wieder ich selbst und konnte all meine neu gewonnene Energie meinem Kind geben.

16 Monate später kamen Zwillinge

Der Goldspatz ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt. Wir sind bis heute wie eine Einheit (wenn ich von so einigen Momenten in der Trotzphase absehe ;-), wir haben eine so tiefe und innige Bindung. Ich habe ihm nur drei Wochen lang Muttermilch gegeben, aber für unsere Beziehung war es das einzig Richtige, es dann sein zu lassen. Man entwickelt ja nicht zuletzt die richtigen Instinkte für sein Baby und die Geduld, die man als Mama braucht, wenn man einigermaßen man selbst und nicht eine einzige kraftlose Baustelle ist.

16 Monate nach der ersten Geburt bekam ich Zwillinge, diesmal in einer anderen Klinik. Wieder Lebensgefahr, die Plazenta hatte sich vorzeitig abgelöst, Notkaiserschnitt. Mein HB-Wert sank ’nur‘ auf 7,5. Ansonsten hatte mein 49-Kilo-Körper die Doppelschwangerschaft (sie wogen je fast 3000 Gramm) weggesteckt – mit einer Ausnahme: Die Bauchmuskeln hatten sich massiv auseinander geschoben (Rektusdiastase). Der Darm machte nun, was er wollte, und ich lernte, was für Höllenschmerzen er verursachen kann.

Rechtfertigungen kosteten meine ganze Kraft

Dass ich nichts bei mir behalten konnte, hielt die Schwester nicht von ihrem Vorschlag ab: ‚Jetzt sollten wir langsam mal ans Abpumpen denken.‘ Wegen der wertvollen Vormilch hatte ich die Zwillinge schon angelegt, ansonsten tranken sie aber aus der Flasche, auch wenn sie wie ihr großer Bruder ständig dabei einschliefen. An den ‚Stillen und dabei animieren, Zufüttern und dabei animieren, Abpumpen und dabei alle Energie aus mir raussaugen‘-Zyklus hatte ich nicht einmal die Kraft auch nur zu denken.

Ich erzählte der Schwester meine Vorgeschichte und versuchte, mich zu rechtfertigen: dass ich einsehe, dass sie es manchmal mit Müttern zu tun habe, die nicht um die Vorteile des Stillens wüssten; dass ich nicht zu den Müttern gehörte, die nicht alles für ihr Kind tun würden; dass ich es damals wirklich versucht hatte. Dass ich aber jetzt auch noch zwei Kinder versorgen müsste UND ein 16 Monate altes Kind zuhause auf mich wartete.

Diesen Vortrag hielt ich dann ungelogen nach jedem Schichtwechsel der Hebammen und Schwestern erneut. Die Reaktionen reichten von einem traurigen ‚Es wäre halt für die Kinder das Beste‘ bis zu einem leicht trotzigen ‚Das müssen Sie dann noch mal mit dem Kinderarzt und dem Gynäkologen besprechen.‘

Eine Nachtschwester war mein Glück

In der Nacht vor der Entlassung, knapp eine Woche nach dem Kaiserschnitt, sah ich plötzlich Regenbögen durchs Zimmer flimmern – der Milcheinschuss. Mein kleiner Sohn schnüffelte an der Brust. Ich wurde weich, hielt sie ihm hin, er wusste aber nicht so recht was damit anzufangen. Sollte ich ihm die Brust jetzt schmackhaft machen? Unsicher rief ich die Nachtschwester.

Sie war mein Glück. Nachdem ich ihr alles erzählt hatte, sagte sie: ‚Überlegen Sie sich gut, ob Sie das jetzt wirklich anfangen wollen. Sie werden den ganzen Tag nichts anderes machen können als Stillen und Abpumpen, es ist ein Fulltime-Job bei Zwillingen. Und wie soll das für Ihr anderes Kind werden, seine Geschwisterchen werden ohnehin seine Welt auf den Kopf stellen! Er braucht Sie.‘

Worauf es wirklich ankommt

Als ich zuhause das erste Mal beim Fläschchengeben an die Couch gefesselt war, während der Goldspatz gerade heulend vor mir zusammenbrach, wurde mir bewusst, wie recht sie hatte. Und es kam Verzweiflung in mir hoch, wie und ob wir das alles überhaupt schaffen würden. Dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass noch zwei weitere Krankenhausaufenthalte auf mich warteten: Ein Teil der Plazenta war beim Kaiserschnitt nicht aus der Gebärmutter entfernt worden. Ich musste erneut operiert werden und verlor danach wieder große Mengen Blut. Aber: Unterm Strich ging erneut alles gut.

Zwei Jahre später: Mit unendlich viel Hilfe haben wir es geschafft. Unsere drei Kleinen sind eine glückliche und zusammengeschweißte Rasselbande. Manchmal bedauere ich es zwar, dass ich das Erlebnis des ausschließlichen Stillens nicht hatte mit meinen Kindern. Doch gerade für sie war es, davon bin ich überzeugt, das Beste. Das Fläschchen hat uns gerettet. Wir haben einander als Familie, das ist das einzige, was zählt, und wird mich mit ewiger Dankbarkeit erfüllen.“

Erster Kommentar: „Unsere Bindung könnte nicht enger sein“

  1. Kerstin sagt:

    Liebe Antonia,

    aus tiefstem Herzen Danke für Eure Seite und Deinen Bericht!
    Mir ging es ganz ähnlich; ich hart wegen hohen Blutverlusts (OP am Abend der Geburt, HB bei 6,2) und einer ordentlich verschlechterten Schilddrüsenunterfunktion einfach nicht genug Milch und mein Sohn nuckelt an allem, was sich nicht wehrt. Einzig die Flasche war der Ausweg, dass ich wieder zu Kräften komme und er zunimmt. Mich lassen tatsächlich auch die paar Tropfen Milch, die ab und zu aus mir raustropfen, zweifeln…. Vielleicht kommt ja doch noch was und „Stillen ist ja das Beste….“. Aber wenn ich ihn dann anlege, merke ich, dass er nur saugt, nicht schluckt und nach 15 Minuten die Flasche möchte.
    Es tut gut zu lesen, dass ich nicht die einzige bin. Manchmal ist es eben mit „anlegen, anlegen, anlegen“ nicht getan.

    Danke!

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