Das Phänomen “Stilldemenz” kennt jeder. Doch ist der Ausdruck unpassend, denn auch Mamas, die gar nicht (mehr) stillen, klagen über Vergesslichkeit. Wir verlegen, wir suchen ständig Dinge. Das Hirn einer Mutter scheint nicht mehr das, was es mal war. Ist das so? Und ändert es sich je wieder?

Mindestens 20 IQ-Punkte. So viel, ist sich Karin G. (28) aus München sicher, hat sie das Muttersein gekostet. “Wenn ich das nur vorher gewusst hätte”, lacht sie, “hätte ich mich in Ruhe von meinem Hirn verabschiedet und es vorher noch mal gescheit genutzt!”

Auch Zweifachmama Victoria von Zittwitz (45) hat Jahre nach Schwangerschaft und Stillzeit das Gefühl, von irgendeiner Art Demenz befallen zu sein: “Ich muss ab und zu rechts ranfahren, weil ich vergessen habe, wo ich hin wollte. Und einmal stand ich schon komplett geschminkt und frisiert, aber im Schlafanzug im Kindergarten, um meine Tochter abzuholen.”

Schusseligkeit, Verwirrtheit, scheinbare Gedächtnisaussetzer – welche Mama kennt das nicht? Man zahlt brav beim Bäcker und lässt dann das Brot liegen. Und wo sind nur die Handschuhe? Ich hatte sie doch gerade noch … Das gibt’s doch nicht! Und der Schlüssel? Steckt noch außen in der Haustür. Oh Gott! Und der Herd ist ja noch an!

“Frauen haben nach der Geburt erst mal den Eindruck, dass dort, wo sich einmal das eigene Gehirn befand, nur noch eine Art Kartoffelbrei vorhanden ist”, bringt es Prof. Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, auf den Punkt.

Studie: Das Gehirn von Müttern wächst!

Umso erstaunlicher klingt das Ergebnis einer der raren wissenschaftlichen Erhebungen zu dem Thema, das vor einigen Jahren durch die Medien schwappte: Das Gehirn von frischgebackenen Müttern wächst!

Wissenschaftler der Yale University und der University of Michigan konnten bei Müttern zweieinhalb Monate nach der Geburt eine auffallende Zunahme des Gehirnvolumens nachweisen. Und zwar in Bereichen – Hypothalamus, Amygdala und präfrontaler Kortex – die zuständig sind etwa für die Verarbeitung von Sinnesreizen, Regulation von Emotionen, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und für Motivation.

Bemerkenswert: Bei Müttern, die sich auf dem Fragebogen ganz besonders “verliebt” über ihr Kind äußerten, war das Wachstum dieser Bereiche besonders stark.

teaser_bootiesErstes Phänomen: Gedächtnisprobleme im Wochenbett

Wieso empfinden wir unser Gehirn dann trotzdem als, wie Spitzer es ausdrückt, “matschig”? Er beschreibt es so: Die Funktionen des Gehirns seien während dieses Wachstums, dieses “Umbaus”, die unser Baby auslöst, vorübergehend gestört – “wie beim Umbau eines Hauses”.

Prof. Christian W. Hess, ehemaliger Direktor der Klinik für Neurologie in Bern und Präsident der Schweizerischen Hirnliga, will diesen Schwankungen der Hirngrösse wiederum gar nicht so viel Bedeutung beimessen – und nimmt damit den Sensationsmeldungen vom wachsenden Mutterhirn ein bisschen den Hype. Viel davon sei schlichtweg der eingelagerten Wassermenge geschuldet, meint er.

Auch er aber bestätigt: “Es ist durchaus kein Trugschluss, wenn Mütter im Wochenbett über Gedächtnisprobleme klagen!” Konzentrationsschwierigkeiten könnten auch Ausdruck einer Wochenbettdepression sein, die man nicht übersehen dürfe, warnt er. Doch trete Vergesslichkeit auch bei Müttern auf, die psychisch sonst nicht beeinträchtigt seien.

“Aus unserer Sicht ist nur die inzwischen eingebürgerte Bezeichnung ,Stilldemenz’ etwas unglücklich”, sagt Hess, “das Problem besteht nämlich auch bei Müttern, die nicht stillen, sondern ihr Kleines mit der Flasche ernähren, weshalb man von Wochenbett-Demenz sprechen müsste.”

Andererseits sei auch das Wort “Demenz” heikel: “Die ,Stilldemenz’ ist ja reversibel, klingt also wieder ab, während im Laienpublikum unter ,Demenz’ meist etwas unerbittlich fortschreitendes verstanden wird.”

Mix aus Hormon-Achterbahnfahrt und Schlafmangel

Hess hat zwei Erklärungen für die Vergesslichkeit im Wochenbett. Erstens: das geradezu unfassbare hormonelle Wechselbad. “Der während der Schwangerschaft stark erhöhte Östrogen- und Progesteronspiegel fällt mit der Geburt abrupt tief in den Keller. Dafür steigt das Prolactin stark an. Zudem ist das Stresshormon Cortisol zeitweise sehr erhöht. Es wirkt bekanntlich schmerzlindernd, hat aber auch starke Wirkungen auf das Gedächtnis und blockiert etwa die Neubildung von Gedächtnisinhalten.”

Zweitens: Schlafmangel. “Er kann ja auch psychisch stabile Menschen an die Grenze des ,Wahnsinns’ bringen!”, sagt Hess. Chronischer Schlafmangel verursache Gedächtnisprobleme. Im Schlaf würden Gedächtnisinhalte konsolidiert, also gesichert. “Bei Schlafentzug aber leidet das Gedächtnis, das ist wissenschaftlich x-fach bewiesen”, so Hess.

Zweites Phänomen: Vergesslichkeit auch lange nach der Geburt

Die Folgen eines solchen Schlafentzugs bekommen auch viele Mütter zu spüren, die längst aus der Babyphase und somit Hormon-Achterbahnfahrt raus sind, deren Kinder aber nach wie vor nicht durchschlafen.

Deshalb können Vergesslichkeit und psychische Veränderungen nach dem Elternwerden genauso Väter betreffen: “Ich selbst wurde mit der Geburt unseres ersten Sohnes vorsichtiger und sogar etwas ängstlicher”, berichtet Hess. “Zum Beispiel bekam ich etwas Höhenschwindel. Solche Phänomene sind gut bekannt und lassen sich psychisch gut erklären – Hormone dürften da nicht im Spiel sein.”

Das sieht auch Psychotherapeutin Kathrin Peters so, Gründerin der Hamburger Praxis “Geburt einer Mutter”. Auch sie bestätigt, dass sich das Phänomen der Vergesslichkeit und Konzentrationsschwierigkeiten oft weit über die Wochenbettphase hinaus erstreckt.

Für verantwortlich hält sie die ständig geteilte Aufmerksamkeit, die man als Mutter 24 Stunden am Tag aufbringe müsse: “Bei jeder Tätigkeit ist man zumindest unterbewusst darauf eingestellt, diese im Zweifelsfall sofort zu unterbrechen, um sich dem Kind zuzuwenden. Sei es, dass man unter der Dusche steht, ein Gespräch führt, schläft oder arbeitet.”

Ein Teil von uns ist immer beim Kind

Für die Babyphase gelte das sowieso: “Es ist fast unmöglich, sich neben der liebevollen und stets zugewandten Versorgung eines Säuglings voll und ganz auf andere Dinge zu fokussieren, da die Aufmerksamkeit immer auch beim Kind ist. Selbst wenn es gerade schläft, da es ja jederzeit aufwachen kann! Deshalb gehen bestimmte Informationen verloren oder erreichen uns erst gar nicht.”

Das ändert sich aus Peters Sicht selbst dann nur bedingt, wenn das Kind gerade von den Großeltern betreut oder schließlich bei einer Tagesmutter oder in der Kita eingewöhnt ist: “Ein Teil von uns als Mutter bleibt immer mit dem Kind befasst. Oft ist es dann so, dass Mütter die ,freie’ Zeit gar nicht gleich für sich füllen und nutzen können.”

Wann hört die Vergesslichkeit auf?

Auch wenn Hormone und Schlafgewohnheiten wieder im Gleichgewicht sind, heißt das noch nicht, dass sich das mit der Vergesslichkeit gleich wieder gibt. Laut Peters ist es von Frau zu Frau sehr unterschiedlich, wann unser Hirn gefühlt wieder “normal” arbeitet. Das Kind wird immer selbständiger und autonomer, es löst sich schrittweise von uns – aber nicht jede Mutter löse sich entsprechend seiner Entwicklung von ihm.

In der Regel aber gelinge es Müttern nach und nach, sich phasenweise auch wieder ganz auf sich selbst und die eigenen Tätigkeiten zu fokussieren. Das Kind könne zunehmend auch mal mit der Bedürfnisbefriedigung warten, und die Mutter lerne, in den kinderfreien Zeiten loszulassen.

Mütter, seid stolz auf euch!

Man könnte alle diese Gründe für Vergesslichkeit von Müttern aber auch in einem Satz zusammenfassen: Ladys, Ihr leistet Übermenschliches.

“Als Mediziner und speziell Neurologen sind wir eigentlich erstaunt, dass nicht mehr passiert und wie gut die hormonelle Umstellung nach der Geburt von den meisten Frauen ertragen wird!”, spricht Hess seine Bewunderung aus.

Und Peters betont, wie mühsam – ganz abgesehen vom Schlafmangel und der großen Umstellung im Leben, die ein Kind bedeutet – die neue geteilte Aufmerksamkeit ist: “Sich immer wieder zurückfinden zu müssen zu dem Punkt, wo man etwas aufhören oder unterbrechen musste bzw. gerade beginnen wollte, ist anstrengend, zumal die Unterbrechungen ja immer wieder kommen. Es ist ein gewisser Kontrollverlust. Und der gehört zu der Erfahrung des Mutterseins dazu.”

Sie rät zur Gelassenheit: “Wir können im Leben – vor allem mit Kindern – nicht immer alles unter Kontrolle haben.”

Blick auf das Geleistete richten: Es ist enorm

Gerade in der 2015 entflammten Debatte um “#regrettingmotherhood” kommt es darauf an, wieder die positiven Aspekte des Mutterseins zu beleuchten (darüber schrieb im vergangenen Jahr in eindrucksvoller Weise die FAZ-Journalistin Martina Lenzen-Schulte in ihrem Artikel “Mütter können mehr”).

Der amerikanische Psychologe Craig Kinsely etwa war so erstaunt, wie viel mehr seine Frau nach der Geburt ihres Kindes schaffte, dass er nach einer wissenschaftlichen Erklärung zu suchen begann. Als er in seinem Labor in Richmond Muttertiere unter die Lupe nahm, zeigte sich: Unter Ratten waren die frischgebackenen Mütter und sogar jene, die noch trächtig und damit körperlich eingeschränkt waren, bei der Jagd um ein Vielfaches schneller, schlauer und effektiver als ihre Artgenossen.

Bei Menschen gibt es dazu bisher kaum valide Untersuchungen. Die Wissenschaftlerin Katherine Tombeau Cost stellte bei ihren Studien zum “Mummy Brain” an der Universität in Toronto aber zumindest fest, dass Mütter zwar von Ausfallerscheinungen berichten, diese aber in objektiven Tests nicht nachweisbar waren. Mütter schnitten sogar deutlich besser ab, als sie es selbst erwartetet hatten.

Das zeigt: “Es um die Frage, ob ich meine Wahrnehmung auf das Nicht-Geschaffte und Vergessene richte. Oder ob ich mir die enorme Leistung bewusst mache, die die Versorgung eines Kindes mit sich bringt”, sagt Peters. Sie ermutigt zu einem Perspektivenwechsel: positiv auf das Geschaffte zu blicken.

Das sei nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil man IMMER noch etwas besser oder mehr machen könne: “Muttersein ist eine Aufgabe, bei der es eigentlich kein Limit gibt.” Oder – wie ein arabisches Sprichwort es ausdrückt und die so übermenschliche wie wertvolle Aufgabe umschreibt: “Weil Gott nicht überall sein konnte, erschuf er die Mutter.”

Weiterführende Links

Buchtipp

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *